Smart Glasses: ein Segen für Spanner und Belästiger
Von Frank Landimor Veröffentlicht am
2026/07/06 21:45
Juni. 06, 2026
Um Smart Glasses scheint ein seltsames Geheimnis zu kreisen: Sie holen offenbar das Schlechteste im Menschen hervor. Dabei ist das Rätsel keineswegs so kompliziert. Im Kern handelt es sich um kleine, leistungsstarke Überwachungsgeräte, die es Trägern ermöglichen, heimlich alles zu filmen, was sich in ihrem Blickfeld befindet – und damit Tech-Enthusiasten, aber auch auf Aufmerksamkeit ausgerichtete Influencer unter einem gemeinsamen, oft fragwürdigen Verhalten vereinen.
Die wachsende Popularität von Wearables wie den Ray-Ban Meta Smart Glasses ruft Erinnerungen an den spöttischen Begriff „Glasshole“ wach – eine Mischung aus „Glass“ und einer abwertenden Bezeichnung für nervige Nutzer. Ein Begriff, der vor rund zehn Jahren entstand und heute aktueller wirkt denn je.
Ein Bericht des Tech-Portals Mashable dokumentiert genau diese problematischen Verhaltensweisen: Nutzer, die mit dauerhaft aktiven Kameras „Pranks“ filmen, meist völlig sinnlose Streiche, um Klicks zu sammeln. Häufig richten sich diese Aktionen gegen Frauen, Servicepersonal oder Obdachlose.
Noch problematischer: Auch sogenannte „Pickup Artists“ haben die Technologie für sich entdeckt. Sie nutzen die Brillen, um Frauen, die sie ansprechen oder besser gesagt belästigen, heimlich zu filmen – ein klarer Eingriff in die Privatsphäre.
Technologie im Dienst der Spanner
Natürlich trifft die Verantwortung nicht allein die Brillen. Auch soziale Netzwerke, die Aufmerksamkeitsökonomie und Smartphones spielen eine Rolle. Doch Smart Glasses senken die Hemmschwelle deutlich: Sie ermöglichen Aufnahmen nahezu unsichtbar und damit viel einfacher als ein gezielt erhobenes Handy.
Damit werden sie – so der Vorwurf – zu einem idealen Werkzeug für Menschen, die Aufmerksamkeit um jeden Preis suchen oder Grenzen bewusst überschreiten. Beispiele dafür reichen von Instagram-Accounts, die Frauenkörper ohne Zustimmung filmen, bis zu Nutzern, die Massagesalons aufsuchen, um heimlich zu filmen. Andere provozieren gezielt Servicekräfte, während die Kamera weiterläuft, selbst wenn sie aufgefordert werden, das Filmen zu stoppen.
Die Illusion der „Spontanität“
Rechtlich sind solche Aufnahmen in der Öffentlichkeit in vielen Fällen zulässig, auch in Ländern mit strengeren Datenschutzregeln. Doch die eigentliche Debatte geht darüber hinaus.
Der Content Creator Brad Podray (früher bekannt als „Scumbag Dad“) sagt gegenüber Mashable:
„Ich weiß, dass Smart Glasses legal genutzt werden können, aber das ist nicht der Punkt. Es geht darum, dass dieses Verhalten seltsam und widerlich ist und eine räuberische Denkweise offenbart.“
Er kritisiert vor allem den Reiz der Geräte: Sie sind günstig, unauffällig und liefern scheinbar „echte“ Reaktionen von Menschen, die nicht wissen, dass sie gefilmt werden. Genau das macht den Inhalt für manche Creator attraktiv.
Podray ergänzt:
„Sie suchen gezielt nach Menschen mit starken Reaktionen – Fast-Food-Mitarbeiter, attraktive Frauen. Viele würden niemals freiwillig in solchen Szenen auftreten. Die Brille nimmt ihnen diese Entscheidung vollständig weg.“
Ein unausweichliches Problem?
Im Gegensatz zu **Google**s gescheitertem Versuch im Jahr 2014 scheint die Technologie diesmal gekommen zu sein, um zu bleiben. Mit der Popularität der Meta-Brillen entsteht ein Markt, in dem immer neue Anbieter versuchen, Smart Glasses noch leistungsfähiger – und indirekt auch noch problematischer – zu machen, etwa durch KI oder Gesichtserkennung.
Gleichzeitig wächst der Widerstand in der Bevölkerung. Als eine Frau in einer U-Bahn einem jungen Mann seine Smart Glasses herunterriss, wurde sie in sozialen Medien als Heldin gefeiert. Es wirkt fast so, als entwickle sich eine neue Form alltäglicher Selbstverteidigung – gegen eine Technologie, die zu nah heranrückt.
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