5 Argumente, warum Berlin die Nofretete an Ägypten zurückgeben muss
Von Elisabeth Rushton und Ahmed El-Gammal Veröffentlicht am
2026/07/23 01:52
Juni. 23, 2026
Seit fast einem Jahrhundert gilt die Büste der Nofretete als eines der Wahrzeichen Berlins. Doch die Umstände, unter denen sie einst nach Deutschland gelangte, sind bis heute umstritten. Immer mehr Fachleute stellen daher die damaligen Rechtfertigungen für ihren Verbleib in Berlin infrage.
Ihr ruhiger, eleganter Blick fasziniert Besucher seit Generationen. Kaum betreten sie den Saal 210 des Neuen Museums, richtet sich ihre Aufmerksamkeit auf Nofretete – die weltberühmte Schönheitsikone und unbestrittene Hauptattraktion der Berliner Museumsinsel. Die Büste, die vor mehr als 110 Jahren von dem deutschen Archäologen Ludwig Borchardt in Ägypten entdeckt wurde, ist das einzige Ausstellungsstück des großzügigen Saals. Das erscheint durchaus angemessen, denn kaum ein anderes Objekt könnte neben der rund 3.400 Jahre alten Königin bestehen – mit ihren fein geschminkten Augen, dem eleganten Hals, den markanten Gesichtszügen und ihrer charakteristischen blauen Krone.
Ludwig Borchardt entdeckte die Büste der Königin Nofretete im Jahr 1912 in Tell el-Amarna in Mittelägypten. Seit 1924 wird sie im Neuen Museum in Berlin ausgestellt. Bis heute gilt sie als das Kronjuwel des Ägyptischen Museums, dessen Sammlung rund 90.000 Objekte umfasst. Gleichzeitig zählt sie zu den Kulturgütern, deren Rückgabe die ägyptischen Behörden seit Jahrzehnten mit Nachdruck fordern. Die Debatte beschränkt sich längst nicht mehr auf Berlin und Kairo. Sie ist Teil einer internationalen Diskussion über die Rückgabe von Kulturgütern, die während der Kolonialzeit außer Landes gelangten.
Deutschland hat sich in vergleichbaren Fällen bereits kompromissbereit gezeigt – wenn auch oftmals erst nach langem Zögern. So forderte Nigeria wiederholt die Rückgabe der Benin-Bronzen und weiterer Kunstschätze aus dem ehemaligen Königreich Benin. Im Dezember vergangenen Jahres gab Deutschland schließlich 21 Objekte zurück. Angesichts der bevorstehenden Eröffnung des Großen Ägyptischen Museums bei den Pyramiden von Gizeh vertreten inzwischen auch zahlreiche Ägyptologen die Auffassung, dass der Zeitpunkt gekommen sei, Nofretete – deren Name „Die Schöne ist gekommen“ bedeutet – an ihren Ursprungsort zurückkehren zu lassen.
Experte: Das Neue Museum sollte die Büste durch eine Replik ersetzen
Einer der Befürworter einer Rückgabe ist der in Berlin lebende Ägyptologe Hassan Saber. Er weiß um die besondere emotionale Bedeutung Nofretetes für viele Berliner und bezeichnet sie als inoffizielle Botschafterin Ägyptens in Deutschland. Gegenüber der Berliner Zeitung sagte er:
„Es müssen nicht alle ägyptischen Altertümer aus internationalen Museen zurückgegeben werden. Einzigartige und ikonische Objekte wie die Büste der Nofretete sollten jedoch an den Ort zurückkehren, aus dem sie stammen.“
Saber hält es für die beste Lösung, die Büste im Neuen Museum durch eine originalgetreue Replik zu ersetzen. Informationstafeln könnten den Besuchern zugleich die Gründe für ihre Rückkehr nach Ägypten erläutern. Eine solche Entscheidung würde nach seiner Auffassung weltweit Respekt finden und könnte sogar das internationale Ansehen des Museums stärken.
„Wenn das Museum Nofretete wirklich respektiert, ist ihre Rückgabe eine moralische Verpflichtung“, betont Saber. Zugleich müsse anerkannt werden, dass die Verteilung zahlreicher ägyptischer Altertümer auf kolonialen Regelungen beruhte, die aus heutiger Sicht weder politisch noch moralisch Bestand hätten.
Am 6. Dezember 1912 begann die Reise der Nofretete-Büste nach Deutschland. Damals stand Ägypten noch unter britischer Herrschaft, als Ludwig Borchardt die berühmte Büste entdeckte. Mit finanzieller Unterstützung des Mäzens James Simon, Vorsitzender der Deutschen Orient-Gesellschaft (DOG), gelangte sie später nach Berlin.
Kam Nofretete durch eine Täuschung nach Berlin?
Ein Bericht des Magazins Der Spiegel aus dem Jahr 2009 weckte erhebliche rechtliche Zweifel an der Ausfuhr der Nofretete-Büste nach Berlin. Nach den damals geltenden Vorschriften der sogenannten Fundteilung sollte die Hälfte der entdeckten Objekte an den Ausgräber und die andere Hälfte an Ägypten gehen. Für die Aufteilung war seinerzeit die von Frankreich geleitete ägyptische Antikenverwaltung (Service des Antiquités, SdA) zuständig.
Nach Abschluss der Ausgrabungen wählte der Vertreter der Behörde jene Hälfte der Funde aus, die in Ägypten verbleiben sollte – die Büste der Nofretete gehörte jedoch nicht dazu. Die zentrale Frage lautet bis heute: Wie konnte das geschehen?
Nach einem später bekannt gewordenen Dokument der Deutschen Orient-Gesellschaft soll Ludwig Borchardt erklärt haben, er wolle „die Büste für uns retten“. Um dieses Ziel zu erreichen, habe er den zuständigen französischen Archäologen Gustave Lefebvre über den tatsächlichen Wert des Fundes getäuscht.
Dem Bericht zufolge verdeckte Borchardt die außergewöhnliche Qualität der Büste, indem er sie teilweise mit Lehm und Tüchern bedeckte und dem Inspektor weder besonders aussagekräftige Fotografien noch eine angemessene Präsentation zeigte. Darüber hinaus soll er im offiziellen Fundteilungsprotokoll angegeben haben, die Büste bestehe aus Gips, obwohl sie tatsächlich aus einem Kalksteinkern mit einer feinen Gipsschicht gefertigt ist.
Diese Vorwürfe sorgten seinerzeit für erhebliches Aufsehen in Berlin. Dietrich Wildung, damals Direktor des Ägyptischen Museums, wollte sich dazu jedoch nicht äußern. In einem Interview mit Al Jazeera erklärte er, dass sich aufgrund der enormen Popularität der Büste zahlreiche Legenden und Gerüchte um ihre Geschichte rankten. Deshalb lasse sich nicht mit letzter Sicherheit beurteilen, ob die von Der Spiegel veröffentlichten Vorwürfe zuträfen.
Auch heute weist das Neue Museum entsprechende Anschuldigungen zurück. Ein Sprecher erklärte gegenüber der Berliner Zeitung, von einer bewussten Täuschung könne „überhaupt keine Rede sein“. Vor der Fundteilung hätten den zuständigen Beamten nicht nur Fotografien zur Verfügung gestanden; sie hätten zudem sämtliche geöffneten Fundkisten selbst prüfen und die Objekte eigenständig bewerten können.
Seit 1924 hat die ägyptische Regierung insgesamt drei offizielle Anträge auf Rückgabe der Büste gestellt. Der jüngste stammt aus dem Jahr 2009 und wurde von Zahi Hawass eingereicht, der zwischen 2001 und 2011 Generalsekretär des Obersten Rates für Altertümer war.
Damals verfolgte Hawass das Ziel, drei außergewöhnlich bedeutende Kulturgüter nach Ägypten zurückzuholen: den Stein von Rosette aus dem British Museum, den Tierkreis von Dendera aus dem Louvre sowie die Büste der Nofretete aus Berlin.
Hawass richtete offizielle Schreiben an alle drei Museen und bat darum, die Objekte dem neu entstehenden Großen Ägyptischen Museum in Gizeh als Leihgaben zur Verfügung zu stellen. Das Museum, dessen Eröffnung seit Jahren vorbereitet wird, soll mit mehr als 100.000 Exponaten – darunter die vollständige Sammlung des Pharaos Tutanchamun – der größte archäologische Museumskomplex der Welt werden.
Alle drei Anträge wurden jedoch abgelehnt. Das Neue Museum begründete seine Entscheidung mit konservatorischen Gründen und verwies auf die besondere Empfindlichkeit der Nofretete-Büste. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Nach Angaben eines Museumssprechers sieht sich das Ägyptische Museum verpflichtet, alles für den langfristigen Erhalt dieses außergewöhnlichen Kunstwerks zu tun. Aus Gründen des Denkmalschutzes und der Konservierung sei die Büste – ebenso wie zahlreiche andere empfindliche Objekte der Sammlung – nicht transportfähig. Sie wird auf der Berliner Museumsinsel präsentiert, die zum UNESCO-Weltkulturerbe gehört.
Ehemaliger Minister: „Wenn Deutschland die Büste nicht zurückgibt, werden wir beweisen, dass sie gestohlen wurde“
Nach Berichten aus dem Jahr 2009 befürchtete das Neue Museum außerdem, eine Leihgabe der Büste an Ägypten könne dazu führen, dass es nach Ablauf der Leihfrist zu massiven Protesten käme und eine Rückführung nach Deutschland verhindert würde.
Zahi Hawass wies diese Befürchtungen damals entschieden zurück. „Wir sind nicht die Piraten der Karibik“, erklärte er und betonte, Ägypten sei ein zivilisierter Staat, der seine internationalen Verpflichtungen einhalte. Deshalb gebe es keinen Anlass, an einer vereinbarten Rückgabe nach Ende einer Leihfrist zu zweifeln.
Dennoch blieb der Konflikt ungelöst. Seit dem Jahr 2009 hat Ägypten keine weiteren offiziellen Rückgabeforderungen für die Nofretete-Büste gestellt.
Heute wird die Debatte in Ägypten jedoch weiterhin intensiv geführt. Einige Aktivisten schlagen vor, im Großen Ägyptischen Museum bewusst einen leeren Ausstellungssaal einzurichten – als Symbol für das Fehlen der berühmtesten Königin des Alten Ägypten.
Parallel dazu arbeiten Wissenschaftler an neuen Initiativen, um die Rückgabe der Büste zu erreichen. Bereits vor Jahren hatte Zahi Hawass angekündigt, im Falle einer endgültigen Ablehnung durch Deutschland nachweisen zu wollen, dass die Büste unrechtmäßig außer Landes gebracht wurde.
An dieser Frage arbeitet inzwischen auch Monica Hanna, Dekanin der Fakultät für Archäologie und Kulturerbe an der Arabischen Akademie für Wissenschaft, Technologie und Seeverkehr. Sie bereitet eine wissenschaftliche Kampagne vor und untersucht dazu Dokumente im ägyptischen Nationalarchiv sowie Unterlagen deutscher Behörden, die den deutschen Besitzanspruch stützen sollen.
Monica Hanna stammt aus dem Gouvernement al-Minya – jener Region, in der die Nofretete-Büste entdeckt wurde. Gegenüber der Berliner Zeitung erklärte sie:
„Ich habe mich Nofretete immer besonders verbunden gefühlt – als einer meiner Ahninnen.“
Nach ihren bisherigen Forschungen sah das ägyptische Antikengesetz von 1912 zwar grundsätzlich eine Aufteilung archäologischer Funde zwischen Ägypten und ausländischen Expeditionen vor. Voraussetzung war jedoch, dass sich unter dem auszuführenden Anteil keine einzigartigen oder unvergleichlichen Objekte befanden. Nach Hannas Auffassung fällt die Büste der Nofretete eindeutig in diese Kategorie.
Das Neue Museum weist diese Argumentation entschieden zurück. Auf Anfrage der Berliner Zeitung erklärte ein Sprecher, die Büste sei entsprechend den damals geltenden Bestimmungen zur Fundteilung rechtmäßig nach Berlin gelangt. Deshalb bestehe aus Sicht des Museums kein Anlass für eine Rückgabe.
Zugleich verweist das Museum darauf, dass die damaligen Vereinbarungen weiterhin Gültigkeit besäßen und die gut dokumentierten Ausgrabungsunterlagen keine Hinweise auf rechtswidriges Handeln erkennen ließen.
Gleichzeitig betont das Museum, seit Jahrzehnten eng und vertrauensvoll mit Fachleuten aus Ägypten und anderen Herkunftsländern zusammenzuarbeiten. Man sei jederzeit bereit, einen konstruktiven und kontinuierlichen Dialog über den Umgang mit Kulturgütern und ihre Zukunft zu führen.
Historiker: Die moralische Dimension steht heute im Mittelpunkt der Debatte
Für den Archäologen und Historiker Olfert Olde Wolbers ist der Fall Nofretete ein besonders anschauliches Beispiel dafür, weshalb historische Vereinbarungen zwischen europäischen Kolonialmächten und den von ihnen beherrschten Ländern heute neu bewertet werden müssten.
„Leider war Geschichte niemals einfach“, sagt er. Erst heute sei eine ernsthafte Auseinandersetzung mit den Hinterlassenschaften des Kolonialismus möglich. Deshalb müsse gefragt werden, ob die damaligen Vereinbarungen tatsächlich auf dem freien Willen beider Seiten beruhten.
Olde Wolbers verweist darauf, dass Ägypten zwischen 1882 und 1922 unter britischer Kontrolle stand, während die französisch geleitete Antikenverwaltung die Verwaltung der ägyptischen Altertümer bis zum Ende der Monarchie im Jahr 1952 dominierte. In dieser Zeit seien weder das ägyptische Volk noch demokratisch legitimierte Vertreter gleichberechtigte Vertragspartner bei Entscheidungen über die Ausfuhr bedeutender Altertümer gewesen.
Olde Wolbers ist überzeugt, dass die juristische Frage heute nicht mehr allein ausschlaggebend sei. Entscheidend sei vielmehr die moralische Verantwortung im Umgang mit Kulturgütern, die unter kolonialen Machtverhältnissen außer Landes gelangten.
„Die Praxis der Fundteilung war zutiefst kolonial geprägt – im schlechtesten Sinne des Wortes. Es ist daher legitim, ihre Rechtmäßigkeit und ihre moralische Grundlage heute neu zu bewerten.“
Nach seiner Auffassung gehe es dabei nicht nur um Eigentumsrechte, sondern auch um historische Gerechtigkeit und die Anerkennung des kulturellen Erbes der Herkunftsländer.
Fazit: Fünf Argumente für die Rückgabe der Nofretete-Büste nach Ägypten
Mehr als ein Jahrhundert nach ihrer Entdeckung bleibt die Büste der Nofretete eines der umstrittensten Kulturgüter der Welt. Während Deutschland ihre rechtmäßige Ausfuhr und den Erhalt in Berlin betont, verweisen ägyptische Wissenschaftler und Kulturerbe-Experten auf historische, rechtliche und moralische Gründe, die für eine Rückgabe sprechen.
Aus der anhaltenden Debatte lassen sich fünf zentrale Argumente ableiten:
1. Täuschung bei der Fundteilung
Nach später bekannt gewordenen Dokumenten soll Ludwig Borchardt den außergewöhnlichen Wert der Büste gegenüber den zuständigen Behörden heruntergespielt haben. Zudem wurde sie im Fundteilungsprotokoll als Gipsobjekt beschrieben, obwohl sie einen Kalksteinkern besitzt. Kritiker sehen darin eine gezielte Irreführung während der Fundteilung.
2. Verstoß gegen das damalige ägyptische Antikenrecht
Nach Ansicht mehrerer Fachleute untersagte das ägyptische Antikengesetz bereits 1912 die Ausfuhr einzigartiger und unvergleichlicher Objekte. Die Büste der Nofretete erfüllte nach dieser Auslegung genau diese Voraussetzung und hätte Ägypten daher nicht verlassen dürfen.
3. Fehlende politische Legitimation während der Kolonialherrschaft
Die Ausfuhr erfolgte in einer Zeit, als Ägypten unter britischer Kontrolle stand und die Antikenverwaltung von europäischen Kolonialmächten dominiert wurde. Kritiker bezweifeln daher, dass die damaligen Entscheidungen den freien Willen des ägyptischen Staates widerspiegelten.
4. Moralische Verantwortung im Umgang mit kolonialem Kulturerbe
Internationale Debatten über die Rückgabe von Kulturgütern haben in den vergangenen Jahren deutlich an Bedeutung gewonnen. Die Rückgabe der Benin-Bronzen gilt vielen als Beispiel dafür, dass historische Besitzverhältnisse heute neu bewertet werden können. Aus dieser Perspektive wird auch die Rückführung der Nofretete-Büste als Ausdruck historischer Verantwortung verstanden.
5. Das Große Ägyptische Museum als angemessener Standort
Mit dem Großen Ägyptischen Museum in Gizeh verfügt Ägypten inzwischen über eines der modernsten Museumszentren der Welt. Befürworter einer Rückgabe argumentieren, dass die Büste dort nicht nur unter optimalen konservatorischen Bedingungen präsentiert, sondern auch in ihren historischen und kulturellen Zusammenhang eingebettet werden könnte.
Ob die Nofretete-Büste eines Tages nach Ägypten zurückkehrt, bleibt offen. Fest steht jedoch, dass die Diskussion längst über die Frage des Eigentums hinausgeht. Heute berührt sie grundlegende Themen wie historische Gerechtigkeit, den Umgang mit kolonialem Erbe und die Verantwortung von Museen gegenüber den Ursprungsländern weltberühmter Kulturgüter.
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