Hitler verfiel ihrem Charme: Nofretete – die schönste Frau der Welt
Von Nofretete Veröffentlicht am
2026/07/23 17:14
Juni. 23, 2026
In einer tiefgründigen Rezension zu Joyce Tyldesleys Buch „Nefertiti’s Face: The Creation of an Icon“ geht die Autorin Kathryn Hughes der Frage nach, wie die Büste einer ägyptischen Königin aus der Zeit vor mehr als 3.000 Jahren zu einem der einflussreichsten visuellen Symbole der modernen Kultur werden konnte – seit sie 1924 in Berlin erstmals der Öffentlichkeit präsentiert wurde.
Trotz ihres fehlenden linken Auges, das den Spuren der Zeit zum Opfer fiel, wurde Königin Nofretete zum Inbegriff vollkommener weiblicher Schönheit. Mit ihren makellosen Gesichtszügen und ihrem geheimnisvollen Lächeln, das in seiner Berühmtheit nur noch von dem der Mona Lisa übertroffen wird, wurde ihr Antlitz für die Vermarktung nahezu aller erdenklichen Produkte genutzt – von Kreuzfahrten und Damenunterwäsche über Schlüsselanhänger und T-Shirts bis hin zu Werbung für Schönheitsoperationen.
Eine Britin gab vor Kurzem sogar 200.000 Pfund Sterling aus und unterzog sich acht Nasenkorrekturen sowie drei Kinnimplantaten, um ihr Aussehen dem der berühmtesten Königin des alten Ägypten möglichst anzugleichen.
Entdeckt wurde die Nofretete-Büste erstmals im Jahr 1912, als Archäologen der Deutschen Orient-Gesellschaft Ausgrabungen am Ostufer des oberen Niltals durchführten. In Tell el-Amarna stießen die Forscher auf die Werkstatt des Hofbildhauers Thutmosis, der um 1350 v. Chr. im Zuge der religiösen Reformen Echnatons zahlreiche Statuen und Skulpturen für die Herrscherfamilie schuf.
Als Ludwig Borchardt und seine Kollegen mit Hacken und Sieben die Werkstatt freilegten, fanden sie von den einst prächtigen Skulpturen der Prinzen und Prinzessinnen kaum mehr als ein Ohr, einen Mund, zwei Füße und Fragmente zerstörter Gesichter. Doch inmitten dieses Trümmerfeldes aus Kalkstein und Gips ragte eine nahezu unversehrte Büste der Großen Königlichen Gemahlin Echnatons hervor – gekrönt von ihrer charakteristischen flachen blauen Krone und von außergewöhnlicher Schönheit. Noch in derselben Nacht notierte der überwältigte Borchardt in sein Tagebuch den berühmten Satz: „Beschreiben ist zwecklos – man muss sie gesehen haben.“
Zwischen Herrschaftsmythos und Weiblichkeit
Borchardts nüchterne Beschreibung der Büste mag überraschen. Möglicherweise reagierte er damit auf die ungewöhnlich markante Gestaltung der Königin: Thutmosis verlieh ihr eine kräftige Kinnpartie und sogar einen leicht angedeuteten Adamsapfel. Dieses beinahe maskuline Detail genügte, um später heftige Debatten unter Historikern auszulösen. Manche vermuteten, Nofretete habe nach dem Tod ihres Mannes als eigenständige Herrscherin über Ägypten regiert – ähnlich wie andere weibliche Pharaonen, die sich mit dem zeremoniellen Königsbart darstellen ließen.
Tyldesley weist diese Theorie jedoch zurück. Ganzkörperdarstellungen zeigen Nofretete mit natürlich geformten Brüsten und einem leicht gerundeten Bauch – Merkmale einer reifen königlichen Gemahlin und symbolischen Mutter ihres Volkes. Hinzu kommt, dass ihre nichtkönigliche Herkunft ihr den Anspruch auf den Thron aus eigenem Recht erschwerte.
Auch der romantischen Legende über das fehlende linke Auge schenkt Tyldesley keinen Glauben. Der Überlieferung zufolge soll Thutmosis das Auge aus enttäuschter Liebe entfernt haben, nachdem Nofretete seine Gefühle zurückgewiesen hatte. Wahrscheinlicher ist jedoch, dass die feine Kristalleinlage und das schwarze Wachs im Laufe späterer Plünderungen der Werkstatt verloren gingen.
Die Berliner Ausstellung von 1924: Die Geburt einer Ikone
Ihre eigentliche Stärke entfaltet Tyldesleys Buch jedoch erst mit der ersten öffentlichen Präsentation der Nofretete-Büste in Berlin im Jahr 1924. Statt sich in archäologischen Details über Kalksteinsplitter zu verlieren, entführt sie die Leser in eine Welt aus gesellschaftlichen Intrigen, Gerüchten, ästhetischer Leidenschaft und dramatisch geschwungenem Kajal.
Die Entdeckung des Grabes Tutanchamuns zwei Jahre zuvor hatte die Welt in eine regelrechte Ägyptenbegeisterung versetzt. Während Europa noch um die im Ersten Weltkrieg verlorene Generation trauerte, spendete die Vorstellung Trost, dass die Pharaonen ihre Verstorbenen mit kostbaren Gewändern, Speisen und sogar Haustieren ins Jenseits begleiteten. Als Stiefmutter und spätere Schwiegermutter Tutanchamuns rückte Nofretete in den Mittelpunkt dieser optimistischen Vorstellung, in der der Tod nur ein möbliertes Wartezimmer auf dem Weg in ein schöneres Jenseits war.
Hinzu kam ihre außergewöhnliche Erscheinung. In einer Zeit, in der Damen der europäischen Oberschicht mit geflochtenen Haarbändern und juwelenbesetzten Skarabäusnadeln elegante Gesellschaften besuchten, erinnerte Nofretete an die Leinwandikonen der neuen Art-déco-Kinosäle. Ihre orientalische Schönheit wirkte zugleich vertraut und geheimnisvoll – niemals exotisch oder unnahbar. So wurde sie zu einer Projektionsfläche, auf der sich Alltag, Eleganz und Sehnsucht auf einzigartige Weise verbanden.
Kolonialer Streit und politische Vereinnahmung
Während ihres fast hundertjährigen Aufenthalts im Neuen Museum in Berlin rissen die Debatten über koloniale Aneignung und die Forderung nach einer Rückgabe der Büste nie ab. Tyldesley macht deutlich, dass die Vereinbarung, durch die Deutschland in den Besitz der Skulptur gelangte, zwar rechtlich zulässig war, jedoch auf fragwürdigen Methoden beruhte.
Dennoch verhinderten diese Umstände jahrzehntelang keine Rückgabeforderungen aus Ägypten. Im Jahr 1933 stand Hermann Göring kurz davor, die Büste als diplomatische Geste an König Fuad I. zu übergeben. Adolf Hitler verhinderte die Übergabe jedoch persönlich. Er erklärte offen, er habe sich in die ägyptische Königin verliebt und wolle sie unter keinen Umständen aus Deutschland fortgeben.
Für Tyldesley zeigt diese Episode eindrucksvoll, wie Nofretete über Kulturen und Ideologien hinweg Menschen faszinierte. Ihre Anziehungskraft reichte sogar so weit, dass Hitler allen Ernstes behauptete, die ägyptische Königin verkörpere das Ideal der sogenannten „arischen Rasse“ – eine ideologische Vereinnahmung, die bis heute als eines der bemerkenswertesten Beispiele für die politische Instrumentalisierung eines antiken Kunstwerks gilt.
Bewerten Sie dieses Thema