Das Universum expandiert mit einer Rate von 75 Kilometern pro Sekunde
Von Victor Tangermann Veröffentlicht am
2026/07/06 08:37
Juni. 06, 2026
„Zwei Schritte vorwärts, ein Schritt zurück“ – so beschreiben Astronomen die aktuelle Lage eines der komplexesten Rätsel in der Geschichte der modernen Physik. Obwohl der Astronom Edwin Hubble bereits vor einem Jahrhundert entdeckte, dass sich das Universum beschleunigt ausdehnt, ist die präzise Bestimmung dieser Expansionsrate heute zu einem weltweiten wissenschaftlichen Problem geworden, das als Hubble-Spannung (Hubble tension) bekannt ist.
Das Problem liegt in einem deutlichen Widerspruch zwischen „dem, was die Berechnungen sagen“ und „dem, was die Teleskope beobachten“. Wenn Wissenschaftler mithilfe mathematischer Modelle die Expansionsrate auf Grundlage der Bedingungen des frühen Universums (kurz nach dem Urknall) berechnen, fallen die Ergebnisse etwa 10 % niedriger aus als die Messungen moderner Instrumente, die die Geschwindigkeit der sich entfernenden Galaxien heute bestimmen.
Der Forscher Stefano Casertano vom Space Telescope Science Institute erklärt: Das Standardmodell der Kosmologie prognostiziere einen niedrigeren Wert für die Hubble-Konstante als direkt gemessen werde. Diese Abweichung übersteigt das Fünffache der möglichen Messunsicherheit, was darauf hindeutet, dass es sich nicht um einen simplen Messfehler oder ein technisches Problem handelt, sondern um ein grundlegendes Rätsel unseres Verständnisses des Universums.
Neue Studie verschärft die Krise
In einer aktuellen Studie, veröffentlicht in der Fachzeitschrift Astronomy & Astrophysics, hat ein internationales Forschungsteam eine der bislang genauesten Messungen der Hubble-Konstante vorgelegt. Mithilfe eines neuen statistischen Ansatzes, der verschiedene frühere Messungen kombiniert, wurde ein Wert von 73,5 Kilometern pro Sekunde pro Megaparsec ermittelt.
Die Bedeutung dieses Ergebnisses liegt in zwei Punkten:
Höchste Präzision: Erstmals erreichen Wissenschaftler eine Messgenauigkeit von etwa 1 %.
Stabilität des Wertes: Selbst beim Ausschluss einzelner Datensätze bleibt das Ergebnis stabil, was darauf hinweist, dass die „Spannung“ real ist und nicht auf einzelne fehlerhafte Messungen zurückzuführen ist.
Brauchen wir eine „neue Physik“?
Dieser anhaltende Widerspruch zwingt die Wissenschaft zu einer grundlegenden Entscheidung: Entweder fehlt ein entscheidendes Element im Standardmodell der Kosmologie, oder es existieren bislang unbekannte physikalische Gesetze, die die Entwicklung des Universums steuern.
Der Nobelpreisträger Adam Riess, der an der Studie beteiligt war, betont, dass die Bestätigung dieser Spannung eine erneute Überprüfung des kosmologischen Standardmodells erfordere. Sollte der Widerspruch bestehen bleiben, könnte dies eine wissenschaftliche Revolution auslösen, die unser Verständnis des Alters des Universums, der Dunklen Materie und der treibenden Kraft seiner Expansion grundlegend verändert.
Während Physiker weiterhin diesem schwer fassbaren Wert nachjagen, bleibt die zentrale Frage: Verbirgt das Universum Gesetze jenseits unseres derzeitigen Verständnisses? Die Antwort könnte in der nächsten Generation von Beobachtungen liegen – und möglicherweise die Grundlagen der Physik selbst erschüttern.
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