Fortpflanzung im Weltraum – eine Chance für das Überleben der Menschheit
Von Frank Landymore Veröffentlicht am
2026/07/04 16:29
Juni. 04, 2026
Wird die Menschheit eines Tages andere Sternensysteme besiedeln und Leben auf fernen Welten verbreiten können? Oder, realistischer betrachtet: Werden wir dauerhafte Kolonien auf dem Mars oder dem Mond errichten? Bevor wir jedoch von riesigen Generationenraumschiffen träumen, müssen wir zunächst unsere eigene Biologie verstehen. Die entscheidende Frage lautet: Können sich unsere empfindlichen Körper im Weltraum fortpflanzen und damit das langfristige Überleben außerirdischer Siedlungen sichern?
Chinesische Wissenschaftler wollen genau diese Frage beantworten. In diesem Monat schickte China künstliche menschliche Embryonen zur Raumstation Tiangong. Das Experiment ist das erste seiner Art und soll untersuchen, wie sich die Mikrogravitation auf eine der frühesten und entscheidendsten Phasen der menschlichen Entwicklung auswirkt.
Stammzellen, die die Realität nachbilden
Die innovativen Proben wurden aus menschlichen Stammzellen erzeugt. Sie ähneln echten menschlichen Embryonen in hohem Maße, besitzen jedoch nicht die Fähigkeit, sich zu einem vollständigen Embryo oder zu einem lebensfähigen Menschen weiterzuentwickeln.
Projektleiter Yu Liqian, Forscher am Institut für Zoologie der Chinesischen Akademie der Wissenschaften, erklärte:
„Es handelt sich nicht um einen echten menschlichen Embryo und er besitzt nicht die Fähigkeit, sich zu einem eigenständigen Individuum zu entwickeln. Dennoch eignet er sich hervorragend als Modell für die Erforschung der frühen menschlichen Entwicklung.“
Der Weltraum stellt selbst innerhalb geschützter Raumfahrzeuge eine äußerst lebensfeindliche Umgebung dar. Neben der Mikrogravitation sind Astronauten intensiver kosmischer Strahlung und energiereichen Teilchen ausgesetzt – Belastungen, vor denen uns die dichte Erdatmosphäre normalerweise schützt.
Von Mäusen zu Menschen: Ermutigende Ergebnisse
Frühere Tierversuche lieferten bereits vielversprechende Ergebnisse. Im Jahr 2016 gelang es chinesischen Forschern, Mäuseembryonen im Weltraum bis zum Blastozystenstadium heranwachsen zu lassen – jenem Entwicklungsstadium, in dem sich der Embryo in die Gebärmutter einnisten kann.
2023 wiederholten japanische Wissenschaftler diesen Erfolg. Sie stellten fest, dass rund 24 Prozent der unter Mikrogravitation kultivierten Mäuseembryonen das Blastozystenstadium erreichten – etwa die Hälfte der Erfolgsquote unter den Bedingungen auf der Erde.
Doch Mäuseembryonen sind nicht mit menschlichen Embryonen vergleichbar. Die nun eingesetzten künstlichen menschlichen Embryomodelle unterstreichen den schrittweisen und wissenschaftlich sorgfältigen Fortschritt auf diesem Forschungsgebiet.
Die Versorgungsmission Tianzhou-10 brachte die künstlichen Embryonen am 11. Mai zur Raumstation, wo sie im wissenschaftlichen Labormodul untergebracht wurden. Die Nutzlast besteht aus zwei verschiedenen Probengruppen, die unterschiedliche Entwicklungsstadien repräsentieren: Die erste Gruppe umfasst Embryonen, die zusammen mit Gebärmutterzellen kultiviert werden, um den Einnistungsprozess nachzubilden. Die zweite Gruppe befindet sich in einem mikrofluidischen Chip, der die Phase simuliert, in der die Zellen beginnen, die Grundlage für Gewebe und Organe zu bilden, wie Live Science berichtet.
Vollautomatischer Ablauf – Auswertung erst auf der Erde
Yu Liqian erklärte, dass das Experiment bislang planmäßig verlaufe. Ein vollständig automatisiertes, vorprogrammiertes System tauscht täglich selbstständig das Nährmedium der Proben aus.
Das Experiment ist auf fünf Tage angelegt. Anschließend werden die Embryonen eingefroren. Die endgültigen Ergebnisse können jedoch erst nach ihrer Rückkehr zur Erde ermittelt werden, wenn die Proben eingehend analysiert und mit einer Kontrollgruppe verglichen werden, die während des gesamten Versuchs auf der Erde verblieben ist.
Selbst wenn die Resultate hinter den Erwartungen zurückbleiben sollten, bedeutet dies nicht das Ende der Hoffnung auf Fortpflanzung im Weltraum. Die frühere japanische Studie zeigte beispielsweise, dass Embryonen, die künstlicher Schwerkraft ausgesetzt waren, eine um fünf Prozent höhere Wahrscheinlichkeit hatten, sich weiterzuentwickeln, als Embryonen unter Mikrogravitation.
Zum Abschluss sagte Yu in einem Interview mit der South China Morning Post:
„Möglicherweise können wir bestimmte Technologien einsetzen, um diesen Effekt abzuschwächen. Dies ist unser erster Versuch, die grundlegende Frage zu beantworten: Können Menschen im Weltraum überleben und sich dort fortpflanzen? Ich hoffe von ganzem Herzen, dass die Antwort Ja lautet.“
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