Pferde statt Bildschirme: Wie die Amish der Technologie Grenzen setzen
Von Maggie Harrison Dupré Veröffentlicht am
2026/07/06 17:43
Juni. 06, 2026
Künstliche Intelligenz hält inzwischen selbst Einzug in eine Gemeinschaft, die für ihren äußerst vorsichtigen und strengen Umgang mit Technologie bekannt ist: die Amish. Die Amish sind eine konservative christliche Glaubensgemeinschaft in den USA und Kanada, die in ländlichen, weitgehend abgeschlossenen Gemeinden lebt. Sie sind für ihren einfachen Lebensstil bekannt, fahren mit pferdegezogenen Kutschen und tragen traditionelle, einheitliche Kleidung. Neue Technologien werden von ihnen nach einem strengen Nutzenprinzip bewertet: Alles, was familiäre Bindungen schwächen oder Menschen voneinander isolieren könnte, wird abgelehnt.
In Holmes County im Bundesstaat Ohio, der größten Amish-Gemeinschaft der Vereinigten Staaten, nutzen inzwischen einige Unternehmer generative KI als Arbeitswerkzeug. Sie setzen sie für alltägliche Aufgaben wie das Verfassen von E-Mails, das Erstellen von Verträgen und Tabellen sowie für die Verwaltung ihrer Familienbetriebe in den Bereichen Produktion, Bauwesen und Landwirtschaft ein.
Ian Wengerd, Eigentümer eines Metallverarbeitungsbetriebs und Vater von sechs Kindern, sagte gegenüber dem New York Magazine:
„Kurz nach der Veröffentlichung habe ich die Technologie aus Neugier ausprobiert. Je häufiger ich sie nutzte, desto mehr wurde mir klar, dass sie für unser Unternehmen tatsächlich sehr nützlich sein kann.“
Wengerd, dessen Unternehmen rund 30 Mitarbeiter beschäftigt, erklärte, dass seine Firma staatliche, bundesstaatliche und private Aufträge ausführt. Ohne moderne Technologien – einschließlich KI-Chatbots – könne sein Betrieb heute kaum noch konkurrenzfähig bleiben.
„Wenn wir unser Unternehmen heute nur mit Fax und Anrufbeantworter führen würden, müsste ich den Betrieb schließen“, sagte er.
Strenge Regeln und gesunde Grenzen im Umgang mit Bildschirmen
Nicht alle Amish haben Zugang zum Internet. Und selbst dort, wo eine Verbindung besteht, ist ihre Nutzung stark eingeschränkt und streng kontrolliert.
Der Historiker Marcus Yoder schätzt, dass weniger als die Hälfte der Amish in Holmes County überhaupt online ist. Von diesen hätten wiederum weniger als zehn Prozent bereits KI-Anwendungen ausprobiert.
Keiner der Gesprächspartner des Magazins besaß ein Smartphone. Stattdessen verwenden sie ausschließlich modifizierte Dumb Phones oder klassische Klapphandys (Flip Phones). Ihr digitaler Alltag wird zusätzlich durch christliche Filtersoftware eingeschränkt und konzentriert sich nahezu ausschließlich auf berufliche Zwecke.
Paradoxerweise hat gerade diese klare Trennung zwischen Arbeitswelt und Privatleben gesunde technologische Grenzen geschaffen, die in der modernen Gesellschaft oft fehlen.
Der 19-jährige John Wengerd, der im Geflügelgeschäft und in der Immobilienverwaltung arbeitet, erklärte:
„Ich kann mich nicht einfach eine halbe Stunde ins Bett legen und mit einem Chatbot plaudern. Die Technik steht mir in meiner Freizeit oder in schwachen Momenten gar nicht zur Verfügung. Wenn ich nach Hause komme, reite ich oder kümmere mich um die Hühner.“
Pragmatismus statt Technikbegeisterung
Der kontrollierte und pragmatische Einsatz von KI entspricht dem traditionellen Umgang der Amish mit neuen Technologien. Entscheidend ist für sie allein der praktische Nutzen: Technik darf die Produktivität steigern, aber weder die Identität der Gemeinschaft noch das Familienleben beeinträchtigen.
Während die meisten Menschen heute nach Feierabend weiterhin Stunden vor Bildschirmen verbringen, zeigt das Beispiel der Amish einen anderen Weg. Künstliche Intelligenz bleibt für sie ein Werkzeug für die Arbeit – nicht ein ständiger Begleiter des Alltags.
Zum Schluss sagte Daniel Wengerd, Unternehmer und Prediger der Amish-Gemeinde:
„Ich möchte nicht, dass wir den Eindruck erwecken, jeder neuen Technologie hinterherzulaufen und dabei unsere Traditionen und Werte zu vergessen. Wir öffnen nicht jeder digitalen Neuerung einfach die Tür.“
Trotz dieser zurückhaltenden Haltung endet der Bericht mit einer amüsanten Anekdote: Ausgerechnet Prediger Daniel nutzte ChatGPT, um einen romantischen Valentinsgruß für seine Frau zu formulieren.
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