Teuflischer Plan: Wer will deine Gedanken stehlen?
Von Joe Wilkins Veröffentlicht am
2026/07/06 17:52
Juni. 06, 2026
Im 21. Jahrhundert gilt kaum noch ein Geheimnis als wirklich sicher. Unsere persönlichen Daten werden ununterbrochen gesammelt und verkauft – von den Unternehmen, deren Apps wir täglich nutzen, bis hin zu Werbetreibenden, die unsere Smartphones mit immer gezielterer Werbung überschwemmen.
Das Datensammeln beschränkte sich bislang auf unsere Smartphones und Computer. Nun warnen jedoch mehrere US-Gesetzgeber vor einem noch gravierenderen Eingriff in die Privatsphäre: Unternehmen könnten Daten direkt aus Gehirnimplantaten gewinnen.
In einem gemeinsamen Schreiben äußerten die demokratischen Senatoren Chuck Schumer, Maria Cantwell und Edward Markey ihre „Besorgnis über den Umgang mit sensiblen neuronalen Daten, die durch die rasante Entwicklung und Vermarktung von Gehirn-Computer-Schnittstellen entstehen“.
Dem Schreiben zufolge sind neuronale Daten sowohl „persönlich“ als auch „hoch sensibel“. Sie könnten Informationen über unsere psychische Gesundheit, unsere Emotionen und unsere kognitiven Fähigkeiten enthalten. Die Senatoren verweisen dabei auf eine aktuelle Studie der NeuroRights Foundation, wonach die „überwältigende Mehrheit“ der Unternehmen im Bereich Gehirnimplantate neuronale Daten unter „geringen Einschränkungen, unklaren Richtlinien und mit weitreichenden Rechten zur Weitergabe“ sammelt. Dies eröffne lukrative Möglichkeiten, die Daten an Werbeunternehmen und Anbieter von Künstlicher Intelligenz weiterzugeben.
Die Senatoren fordern daher die Federal Trade Commission (FTC) auf, Produkte wie Elon Musks Neuralink entschlossen zu untersuchen und streng zu regulieren. Gerade Neuralink gilt dabei als besonders sensibles Beispiel: Anfang des Jahres hatte Musk zahlreiche Stellen in Behörden abbauen lassen, die unter anderem Untersuchungen seiner Unternehmen begleiteten, darunter auch Mitarbeiter der US-Arzneimittelbehörde FDA, die sich mit den Human- und Tierversuchen von Neuralink befassten.
Auffällig ist jedoch, dass das Schreiben die bereits seit Jahren praktizierte industrielle Datensammlung, welche den Weg für Gehirnimplantate überhaupt erst geebnet hat, kaum thematisiert. Stattdessen richtet sich die Aufmerksamkeit vor allem auf die Sorge, Staaten wie China könnten Zugriff auf Gehirnwellendaten erhalten. Die Senatoren warnen dabei vor angeblichen Entwicklungen sogenannter „Gedankenkontrollwaffen“.
Bemerkenswert ist zudem, dass alle Unterzeichner der Initiative einem höheren Alter angehören – Schumer ist 74 Jahre alt, Markey 78. Kritiker sehen darin einen Hinweis darauf, dass ältere Gesetzgeber möglicherweise Schwierigkeiten haben, mit der rasanten technologischen Entwicklung Schritt zu halten.
Führende Persönlichkeiten der Technologiebranche haben seit Jahren mit Warnungen und Bedrohungsszenarien versucht, Einfluss auf die Bundesgesetzgebung zu nehmen. Doch die Debatte über den Missbrauch persönlicher Daten reicht weit über Altersfragen oder technisches Verständnis hinaus.
Im Kern geht es um die Kommerzialisierung von Daten. In seinem neuen Buch „The Mechanic and the Luddite“ beschreibt der Technologie- und Wirtschaftsforscher Jathan Sadowski die weitreichenden Risiken dieses Systems.
„Der unersättliche Hunger nach Daten entsteht daraus, dass Daten inzwischen eine Form von Kapital geworden sind – genau wie Geld oder Maschinen“, erklärt Sadowski. „Sie sind heute unverzichtbar, um in digitalen Systemen Wert zu erzeugen, zu extrahieren und zu handeln.“
Er ergänzt, dass Daten – wie jede andere Form von Kapital – einem grundlegenden Drang zur ständigen Anhäufung unterliegen. Dieser äußere sich in dem Bestreben, möglichst viele Daten aus jeder denkbaren Quelle und mit allen verfügbaren Mitteln zu sammeln. Dieser Zustand müsse beendet werden.
Nach Ansicht Sadowskis reicht es deshalb nicht aus, lediglich die Erhebung von Gehirndaten stärker zu regulieren, wie es Schumer und seine Mitstreiter fordern. Notwendig sei vielmehr ein grundlegendes Ende des industriellen Handels mit personenbezogenen Daten.
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