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Halbleiter – das neue Öl


Von Geoff Colvin Veröffentlicht am 2026/07/06 17:56
Halbleiter – das neue Öl
Juni. 06, 2026
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Öl war der wichtigste Rohstoff des 20. Jahrhunderts und wurde nicht umsonst als „schwarzes Gold“ bezeichnet. Doch diese Ära geht zu Ende. Ein neuer strategischer Rohstoff bestimmt zunehmend die Weltwirtschaft – mit weitreichenden Folgen für Unternehmen, Investoren und die internationale Politik.

Der Pulitzer-Preisträger Daniel Yergin argumentiert, dass Öl zwar den größten Rohstoff des 20. Jahrhunderts darstellte, sich die Lage jedoch bereits zu Beginn des 21. Jahrhunderts grundlegend verändert habe: Halbleiter sind das neue Öl.

Yergin schreibt: „Öl bedeutete Macht. Wer über Öl verfügte oder Zugang dazu hatte, bestimmte die Weltpolitik. Heute wird jedoch immer deutlicher, dass Halbleiter der entscheidende Rohstoff des 21. Jahrhunderts sind. So wie Öl die großen Ereignisse des vergangenen Jahrhunderts geprägt hat, übernehmen Halbleiter nun dieselbe Rolle.“

Einen Wendepunkt markierte US-Außenminister Antony Blinken im Oktober 2022 – nur wenige Tage nachdem die US-Regierung weitreichende Exportbeschränkungen für Chips und Chipfertigungsanlagen gegenüber China verhängt hatte.

„Die Welt nach dem Kalten Krieg ist vorbei. Es hat ein intensiver Wettbewerb darum begonnen, wie die nächste Weltordnung aussehen wird. Im Mittelpunkt dieses Wettbewerbs steht die Technologie“, erklärte Blinken.

Wie dominant Halbleiter inzwischen innerhalb der Technologiebranche geworden sind, zeigte sich eindrucksvoll während des Börsenrückgangs am 5. August. Investoren trennten sich massenhaft von Technologieaktien und zogen die großen Indizes nach unten – doch ein genauerer Blick offenbarte ein anderes Bild.

Während die sogenannten Magnificent Seven – Alphabet, Amazon, Apple, Meta, Microsoft, Nvidia und Tesla – an diesem Tag Hunderte Milliarden Dollar an Börsenwert verloren, entwickelte sich der Halbleitersektor überraschend stabil.

Nahezu unbemerkt widersetzten sich viele führende Chipunternehmen dem allgemeinen Ausverkauf. Die Aktien von Taiwan Semiconductor Manufacturing Company (TSMC), Micron Technology, ASML – dem weltweit einzigen Hersteller von Maschinen zur Produktion modernster Chips –, Applied Materials und Broadcom schlossen im Plus. Intel beendete den Handel nahezu unverändert, während Texas Instruments lediglich leichte Verluste verzeichnete. Die Aktien der südkoreanischen Unternehmen Samsung Electronics und SK Hynix gerieten dagegen vor allem aufgrund des Einbruchs an der koreanischen Börse unter Druck.

Viele Anleger, die sich ausschließlich auf die „Magnificent Seven“ konzentrieren, könnten damit eine enorme Chance übersehen. Selbst während eines breiten Technologie-Ausverkaufs signalisierte der Markt, dass Chiphersteller einer eigenen wirtschaftlichen Logik folgen. Das ist kaum überraschend: Wenn ein Produkt zum wichtigsten Rohstoff der Welt wird, unterliegt es Kräften, die für gewöhnliche Industriegüter nicht gelten. Genau das geschieht heute mit Halbleitern – ähnlich wie einst mit dem Öl.

Die Parallelen sind bemerkenswert:

Ohne den Rohstoff wäre das moderne Leben kaum vorstellbar. Im 20. Jahrhundert hätten Benzin, Erdgas und petrochemische Produkte die Weltwirtschaft am Laufen gehalten. Heute stecken Halbleiter längst nicht mehr nur in Smartphones und Computern. Sie befinden sich in Autos, Kühlschränken, Toastern, Backöfen, Klimaanlagen und nahezu jedem elektrisch betriebenen Gerät. John Neuffer, Präsident der Semiconductor Industry Association, bringt es auf den Punkt: „Halbleiter stecken in fast allem, durch das elektrischer Strom fließt.“
Kleine Staaten gewinnen enorme geopolitische Bedeutung. Im Ölzeitalter standen Länder wie Saudi-Arabien oder Iran im Mittelpunkt. Im Zeitalter der Halbleiter produzieren Taiwan und Südkorea praktisch 100 Prozent der modernsten Chips der Welt.
Regierungen greifen massiv in den Markt ein. Im vergangenen Jahrhundert übernahmen zahlreiche Staaten in Afrika, Asien, Europa und Lateinamerika die Kontrolle über ihre Ölindustrie. Heute unterstützen China, Japan, Südkorea, Taiwan, die USA und weitere Länder ihre Halbleiterindustrie mit milliardenschweren Förderprogrammen.
Halbleiter sind zu einem strategischen Faktor moderner Kriegsführung geworden. Der Zugang zu Öl entschied viele Konflikte des 20. Jahrhunderts. Heute enthalten nahezu alle modernen Waffensysteme Halbleiter. Deshalb gilt ihre Verfügbarkeit inzwischen als Frage der nationalen Sicherheit. Im Ukrainekrieg setzen beide Seiten Raketen mit Hunderten elektronischer Chips ein. Trotz der Sanktionen stammen zahlreiche Halbleiter in russischen Waffensystemen von US-amerikanischen Herstellern.

Wer in Chipunternehmen investiert, sollte sich allerdings auf erhebliche Kursschwankungen einstellen. Zwar schuf Öl im vergangenen Jahrhundert gewaltige Vermögen, doch der Weg dorthin war von extremen Preisschwankungen geprägt. Allein in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts bewegte sich der Ölpreis zwischen rund 25 und 150 US-Dollar pro Barrel.

Ähnliche Entwicklungen könnten auch den Halbleitermarkt prägen – insbesondere bei amerikanischen Chipunternehmen. Der Grund liegt vor allem in den geopolitischen Spannungen zwischen den USA und China.

Die amerikanischen Exportkontrollen sollen insbesondere den technologischen Fortschritt des chinesischen Militärs sowie wichtiger Wirtschaftsbereiche bremsen. Doch die Vereinigten Staaten sind nicht der einzige Akteur auf diesem Markt. Für die Chipproduktion werden zahlreiche Schlüsseltechnologien benötigt, die vor allem aus Deutschland, Japan, den Niederlanden, Südkorea und Taiwan stammen.

Sollten diese Länder ihre Technologien weiterhin nach China exportieren, könnten die amerikanischen Sanktionen erheblich an Wirkung verlieren.

Gregory Allen vom Center for Strategic and International Studies (CSIS) warnt deshalb, dass amerikanische Unternehmen erhebliche Marktanteile und Umsätze verlieren könnten, weil sie ihre modernsten Technologien nicht mehr nach China verkaufen dürfen – während der sicherheitspolitische Nutzen möglicherweise nur begrenzt ausfällt.

Unterm Strich entwickeln sich Halbleiter immer stärker zu einem einzigartigen strategischen Gut mit einem eigenen Marktmechanismus, den erfolgreiche Investoren verstehen müssen.

Daniel Yergin erkannte diese Entwicklung bereits im Jahr 2008. Damals schrieb er: „Genialität wird künftig ebenso aus einem Computerchip hervorgehen wie einst aus einem Barrel Öl.“

Im 21. Jahrhundert dreht sich die Weltpolitik – ebenso wie im Jahrhundert zuvor – um den Wettlauf um den entscheidenden strategischen Rohstoff.

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