Menschen beginnen, jedes Gespräch heimlich aufzuzeichnen – und das ist unerquicklich
Von Victor Tangermann Veröffentlicht am
2026/07/26 05:09
Juni. 26, 2026
Es wird inzwischen immer schwieriger, an einer Besprechung im Büro teilzunehmen, ohne dass ein KI-gestütztes Aufzeichnungstool jedes gesprochene Wort der Teilnehmer automatisch mitschreibt.
In Technologiekreisen treibt dieser Trend mittlerweile bizarre Blüten: Manche Menschen zeichnen nicht mehr nur ihre beruflichen Meetings auf, sondern nahezu jedes Gespräch ihres Alltags – auch private Unterhaltungen. Darüber berichtet das Wall Street Journal.
Besonders problematisch ist, dass viele Betroffene ihre Gesprächspartner nicht einmal um deren Zustimmung bitten. Je nach Bundesstaat der USA könnte dies sogar gegen geltendes Datenschutz- oder Abhörrecht verstoßen.
Die Entwicklung ist Ausdruck einer neuen Obsession, jede Äußerung in unserem Umfeld zu dokumentieren. Datenschützer warnen bereits vor weitreichenden Folgen für die Privatsphäre – von Patienten, die schockiert feststellen, dass ihre Therapiesitzungen aufgezeichnet wurden, bis hin zu Trägern der KI-Brille von Meta, die fremde Menschen ohne deren Wissen aufnehmen.
Apps wie der Transkriptionsdienst Granola erfreuen sich wachsender Beliebtheit. Vor allem Führungskräfte und Unternehmer aus der KI-Branche verlassen sich zunehmend auf solche Werkzeuge – teilweise in erstaunlichem Ausmaß.
„Im Büro sind wir inzwischen richtig enttäuscht, wenn wir merken, dass wir ein Gespräch geführt haben, ohne Granola einzuschalten“, sagte Michelle Lim, Mitgründerin und CEO der KI-Marketingplattform Flint, dem Wall Street Journal. „Ich wünschte, in jedem Raum gäbe es Granola.“
Lim räumte ein, dass sie grundsätzlich davon ausgehe, aufgezeichnet zu werden. Jemanden vorher um Erlaubnis zu bitten, „verdirbt fast die ganze Stimmung“, meinte sie.
Andere gehen noch weiter. Emmie Chang, Gründerin des KI-Vertriebsunternehmens Yuzu Labs, erklärte gegenüber dem Wall Street Journal, sie zeichne die meisten ihrer ersten Verabredungen auf, indem sie ihr Smartphone unauffällig auf den Tisch oder einen Stuhl lege. Anschließend lasse sie den KI-Assistenten Claude von Anthropic analysieren, wie das Treffen verlaufen sei, und frage, ob sie „interessanter oder empathischer“ hätte wirken können.
Der neue Trend verdeutlicht, wie tief künstliche Intelligenz und digitale Überwachung inzwischen in den Alltag – insbesondere in der Technologiebranche – vorgedrungen sind. Zwar untersuchen Wissenschaftler die langfristigen Auswirkungen noch, doch es gibt bereits Anlass zur Sorge. Experten warnen beispielsweise vor dem sogenannten „Cognitive Offloading“, also der Auslagerung geistiger Leistungen an KI-Systeme. Eine übermäßige Abhängigkeit von Chatbots könne langfristig die eigenen kognitiven Fähigkeiten beeinträchtigen.
Hinzu kommen erhebliche Datenschutzprobleme, wenn nicht nur Gespräche mit Kollegen, sondern auch private Begegnungen oder Treffen mit Fremden aufgezeichnet werden. Anders als die integrierte Aufnahmefunktion von Zoom, die ihre Aktivierung mit einer automatischen Sprachansage ankündigt, arbeitet Granola völlig unauffällig und informiert Gesprächspartner nicht über die laufende Aufzeichnung.
Am Arbeitsplatz haben Beschäftigte nach Einschätzung des Datenschutzrechtlers Alex Alben kaum Möglichkeiten, sich dagegen zu wehren. Gegenüber dem Wall Street Journal erklärte er, Arbeitnehmer müssten sich vermutlich damit abfinden, aufgezeichnet zu werden.
Dennoch betonte Alben: „Unternehmen müssen äußerst vorsichtig sein, wenn Technologien Gespräche automatisch aufzeichnen – insbesondere dann, wenn auch Dritte betroffen sind.“
Andere Fachleute äußern sich noch deutlicher. Sie warnen vor der Gefahr, dass vertrauliche Personalinformationen nach außen gelangen, unbedachte Äußerungen später als belastendes Beweismaterial verwendet werden könnten oder sogar Geschäftsgeheimnisse in falsche Hände geraten.
„KI-Notizassistenten bergen enorme Risiken für Unternehmen“, sagte Amy Dufrane, Geschäftsführerin des Personalverbands HRCI, Anfang des Monats gegenüber der Nachrichtenagentur Associated Press. „Ich bin der Meinung, dass Unternehmen diese Technologie überhaupt nicht einsetzen sollten.“
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