Ihr nächster Chef könnte eine KI sein: Googles Gemini scheitert als Café-Manager in Schweden
Von Frank Landymore Veröffentlicht am
2026/07/10 12:31
Juni. 10, 2026
Die Befürchtung, dass Künstliche Intelligenz vor allem die Arbeitsplätze von Beschäftigten in einfachen Tätigkeiten gefährden könnte, ist weit verbreitet. Doch ein kürzlich in Schweden durchgeführtes, ebenso faszinierendes wie ernüchterndes Experiment stellt diese Annahme auf den Kopf. Das Experiment zeigte, dass Missmanagement keineswegs ein ausschließlich menschliches Phänomen ist. Ein Café wurde vollständig der Leitung eines KI-Agenten überlassen – mit einem finanziellen Debakel, das den Betrieb innerhalb weniger Wochen an den Rand des Ruins brachte. Dies wirft grundlegende Fragen zur Zukunft KI-gestützter Unternehmensführung in der realen Geschäftswelt auf.
Absolute Vollmacht für eine virtuelle Managerin
In einem außergewöhnlichen Experiment des KI-Sicherheitsunternehmens Andon Labs wurde einem KI-Agenten namens Mona, der auf Googles Sprachmodell Gemini basiert, die vollständige Leitung eines Cafés in der schwedischen Hauptstadt Stockholm übertragen. Mona erhielt ein Start- und Betriebsbudget von 21.000 US-Dollar sowie uneingeschränkte Entscheidungsfreiheit – von der Personalplanung über Warenbestellungen bis hin zur Inventarverwaltung und der Beantragung behördlicher Genehmigungen. Die menschlichen Mitarbeiter wurden dabei faktisch zu Ausführenden der Anweisungen ihrer virtuellen Chefin, die diese über die Kommunikationsplattform Slack erteilte.
Ernüchternde Bilanz und hohe Verluste
Die Realität entwickelte sich jedoch völlig anders als von den Initiatoren erwartet. Seit dem Start des Projekts Mitte April erzielte das Café lediglich einen Umsatz von rund 5.700 US-Dollar. Gleichzeitig gab Mona innerhalb kurzer Zeit mehr als 16.000 US-Dollar des Betriebsbudgets aus, wie die Nachrichtenagentur Associated Press berichtet. Ursache dafür waren zahlreiche fragwürdige Geschäftsentscheidungen – darunter die Bestellung tausender Gummihandschuhe und Servietten, die den tatsächlichen Bedarf des kleinen Cafés bei Weitem überstiegen. Trotz dieser Verluste bewerten die Verantwortlichen die hohen Ausgaben bislang als typische Anlaufkosten und halten an ihrem Ziel fest, die praktischen und ethischen Grenzen KI-gesteuerter Unternehmensführung weiter zu erforschen.
Starker Start – Absturz im Tagesgeschäft
Die Anweisungen an Mona waren bewusst einfach formuliert: Das Café profitabel führen, freundlich mit Mitarbeitern umgehen und die betrieblichen Abläufe eigenständig organisieren.
Zu Beginn beeindruckte die virtuelle Managerin mit bemerkenswerter Effizienz. Sie schloss Strom- und Internetverträge ab, veröffentlichte Stellenanzeigen auf LinkedIn, beantragte Genehmigungen für die Außenbewirtung und richtete Geschäftskonten bei Großhändlern für Backwaren ein.
Die eigentlichen Probleme traten jedoch im operativen Tagesgeschäft auf. Mona war nicht in der Lage, die tatsächliche Nachfrage korrekt einzuschätzen. An manchen Tagen bestellte sie riesige Mengen Brot, die weit über den Bedarf hinausgingen, an anderen Tagen vergaß sie die Bestellung vollständig. Die Folge: Baristas mussten zeitweise mehrere Sandwiches von der Speisekarte streichen.
Wenn die KI vergisst
Die ungewöhnlichen Entscheidungen beschränkten sich nicht auf Backwaren. Mona bestellte unter anderem 3.000 Gummihandschuhe, 6.000 Servietten, vier Erste-Hilfe-Kästen sowie große Mengen Dosentomaten – obwohl diese in keinem einzigen Gericht auf der Speisekarte verwendet wurden.
Die Experten von Andon Labs führen dieses Verhalten auf das begrenzte Kontextfenster (Context Window) des KI-Systems zurück. Sobald der temporäre Speicher mit neuen Informationen gefüllt wird, gehen frühere Details verloren. Mona vergaß daher bereits nach wenigen Tagen, welche Waren sie zuvor bestellt hatte, und löste dieselben Bestellungen immer wieder erneut aus.
Wer muss um seinen Arbeitsplatz bangen?
Trotz der zahlreichen Fehlentscheidungen betrachten die Mitarbeiter das Experiment überraschend gelassen. Der Barista Kajetan Grzelczak erklärte, dass Servicekräfte derzeit kaum gefährdet seien. Eine KI könne weder Kaffee zubereiten noch Gäste bedienen.
Stärker betroffen sein könnten dagegen Beschäftigte im mittleren Management. Gerade organisatorische und administrative Aufgaben gehörten zu den Bereichen, die sich künftig am ehesten durch Künstliche Intelligenz automatisieren ließen.
Kuriose Vorgeschichte
Es war nicht das erste KI-Experiment von Andon Labs. Bereits im vergangenen Jahr betrieb das Unternehmen einen intelligenten Verkaufsautomaten in der Firmenzentrale des KI-Unternehmens Anthropic. Das System durfte sein Sortiment selbst auswählen und eigenständig wirtschaftliche Entscheidungen treffen.
Auch dieses Experiment endete in einem spektakulären Fehlschlag. Die KI begann, Mitarbeiter zu beleidigen, verweigerte Rückerstattungen und investierte einen Großteil ihres Budgets in völlig nutzlose Gegenstände – darunter schwere Wolframwürfel.
Das schwedische Café-Experiment verdeutlicht damit eindrucksvoll, dass moderne KI-Systeme zwar administrative Aufgaben erstaunlich effizient bewältigen können, im komplexen Alltagsgeschäft jedoch weiterhin erhebliche Schwächen zeigen. Bis KI tatsächlich in der Lage ist, ein Unternehmen eigenständig erfolgreich zu führen, dürfte der Mensch als Manager vorerst unverzichtbar bleiben.
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