Die Träume von humanoiden Robotern prallen auf die Realität
Von Frank Landymore Veröffentlicht am
2026/07/06 13:16
Juni. 06, 2026
Auf unserem ständigen Weg in die Zukunft lassen wir uns immer wieder von Visionen der Science-Fiction faszinieren und versuchen, sie in die Realität umzusetzen – selbst dann, wenn sie zunächst wenig praktikabel erscheinen. Von fliegenden Autos, von denen wir jahrzehntelang geträumt haben, über Jetpacks, die uns grenzenlose Bewegungsfreiheit versprechen, bis hin zu humanoiden Robotern, die heute das Interesse von Unternehmen und Investoren auf sich ziehen. Sie haben die Welt der Fantasie längst verlassen und sind zu milliardenschweren Technologieversprechen geworden.
Ein Bericht des Magazins Futurism geht davon aus, dass humanoide Roboter eines Tages einen Milliardenmarkt bilden werden, angeführt von Unternehmen wie Tesla.
Im März verkündete Tesla-Chef Elon Musk, sein Unternehmen werde bis Ende dieses Jahres 5.000 Optimus-Roboter produzieren. Kurz darauf zog das Shanghaier Start-up AgiBot mit ähnlichen Ankündigungen nach. Der norwegische Roboterhersteller 1X erklärte zudem, seinen humanoiden Roboter noch vor 2026 in Tausenden von Haushalten testen zu wollen. Auch Figure AI plant, innerhalb der kommenden vier Jahre 100.000 humanoide Roboter auszuliefern.
Unerfüllte Versprechen
Tatsächlich wurden bislang jedoch nur wenige dieser angekündigten Roboter gebaut. Gleichzeitig stehen weiterhin grundlegende Fragen über der gesamten Branche, wie ein neuer Bericht des Magazins IEEE Spectrum hervorhebt. Ob diese Hindernisse in naher Zukunft überwunden werden können, bleibt ungewiss.
Ein Beispiel für den Wunschgedanken, der das gesamte Feld prägt, ist die Hoffnung vieler Branchenvertreter, Fortschritte bei der künstlichen Intelligenz – einer Technologie, die selbst von überzogenen Versprechungen und unsicheren Zukunftsaussichten begleitet wird – würden quasi automatisch vielseitig einsetzbare Roboter hervorbringen.
Nach Ansicht von Melonee Wise, der ehemaligen Chief Product Officer von Agility Robotics, ist diese Erwartung unrealistisch.
Gegenüber IEEE Spectrum sagte sie:
„Ich glaube, viele hoffen, dass künstliche Intelligenz dieses Problem lösen wird. Die Realität ist jedoch, dass die heutige KI noch längst nicht leistungsfähig genug ist, um die Anforderungen des Marktes zu erfüllen.“
Wie berechtigt diese Einschätzung ist, zeigte eine Videodemonstration aus der vergangenen Woche. Gemeinsam mit Elon Musk bat Salesforce-Chef Marc Benioff einen Tesla Optimus, ihm eine Cola zu bringen. Der Roboter reagierte jedoch erst nach mehreren Sekunden, brach mitten im Satz ab und blieb anschließend regungslos stehen, obwohl Benioff ihn wiederholt aufforderte, sich zu bewegen. Als sich der Roboter schließlich in Bewegung setzte, tat er dies äußerst langsam und mit einem lauten Geräusch, das eher an ein ferngesteuertes Spielzeug erinnerte.
Dabei sollten bis Jahresende bereits 5.000 Exemplare versandbereit sein – obwohl nur noch wenige Monate verbleiben. Vielleicht erklärt dies auch, warum Tesla seine Roboter bei öffentlichen Vorführungen häufig aus der Ferne von Menschen steuern ließ.
Technische und praktische Hürden
Ein weiteres überraschend grundlegendes Problem ist die Akkulaufzeit.
Der Roboter Digit von Agility Robotics kann beispielsweise höchstens 90 Minuten arbeiten, benötigt anschließend jedoch neun Stunden, um vollständig aufgeladen zu werden. Unter normalen Betriebsbedingungen stehen davon lediglich etwa 30 Minuten tatsächlich zur Verfügung, da der restliche Ladezustand als Sicherheitsreserve dient. In Fabriken müssen Arbeitsabläufe häufig unterbrochen werden, um zu verhindern, dass dem Roboter mitten in einer Aufgabe der Strom ausgeht, berichtet IEEE Spectrum.
Man stelle sich nun eine Produktionshalle mit Hunderten solcher Roboter vor, deren schwere Akkus alle halbe Stunde nachgeladen werden müssen.
Wise bringt das Problem auf den Punkt:
„Damit möchte sich niemand beschäftigen.“
Vielleicht wird hier aber ohnehin der zweite Schritt vor dem ersten gemacht. Würden Fabriken tatsächlich ihre bewährten Spezialmaschinen oder menschlichen Arbeitskräfte gegen experimentelle Roboter austauschen, deren wirtschaftlicher Nutzen noch nicht bewiesen ist?
Gegenüber IEEE Spectrum erklärte Wise:
„Das größte Problem ist die Nachfrage. Ich glaube nicht, dass bisher jemand eine Anwendung für humanoide Roboter gefunden hat, die mehrere Tausend Einheiten pro Standort erfordert.“
Wo liegt der tatsächliche Bedarf?
Amazon gilt als eines der besten Beispiele für ein Industrieunternehmen, das konsequent auf Robotik setzt. In den riesigen Logistikzentren des Konzerns werden Roboter voraussichtlich bald zahlenmäßig die menschlichen Beschäftigten übertreffen. Die erfolgreichsten Systeme sind jedoch hoch spezialisierte Maschinen – etwa Roboterarme zum Be- und Entladen von Paketen.
Zwar testet der Onlinehändler auch humanoide Maschinen wie Digit von Agility Robotics, doch von einem großflächigen Einsatz ist man noch weit entfernt.
Selbst wenn Hersteller bereit wären, hohe Risiken einzugehen, dürften humanoide Roboter nach Einschätzung von Wise im industriellen Umfeld nur schwer Fuß fassen. Der Grund liegt darin, dass sie unter die bereits streng regulierten Vorschriften für Industriemaschinen fallen. Anders als beispielsweise autonome Fahrzeuge kann sich diese Branche daher nicht mit derselben Freiheit entwickeln.
Insgesamt erzeugen humanoide Roboter zwar enorme Aufmerksamkeit und liefern immer wieder faszinierende Einblicke in eine mögliche Science-Fiction-Zukunft. Bislang gibt es jedoch kaum Anzeichen dafür, dass sie sich in absehbarer Zeit zu jener technologischen Revolution entwickeln werden, auf die ihre Investoren setzen.
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