Psychotherapiesitzungen im Darknet zu verkaufen
Von Frank Landymore Veröffentlicht am
2026/07/09 22:04
Juni. 09, 2026
Psychotherapie basiert im Kern auf uneingeschränktem Vertrauen. Niemand kann ehrlich und verletzlich sein oder seine tiefsten Gefühle offenlegen, wenn er nicht davon überzeugt ist, dass die besorgte und mitfühlende Person auf der anderen Seite des Raumes dieses Vertrauen verdient.
Die 31-jährige Molly Quinn geriet in Panik, als ihre langjährige Therapeutin plötzlich ein KI-Modell einsetzte, um ihre vertraulichen Gespräche aufzuzeichnen, wie der US-Radiosender NPR berichtete.
Quinn erinnert sich an den Moment mitten in einer Sitzung: „Sie machte sich keine Notizen wie sonst. Stattdessen war das iPad einfach aufgestellt und auf mich gerichtet.“
Verletzung der Privatsphäre
Wo werden ihre Worte verarbeitet und gespeichert? Könnten sie eines Tages zum Training von KI-Modellen verwendet werden? Solche Fragen stellte sich früher kaum jemand, wenn Therapeuten ihre Notizen handschriftlich auf Papier festhielten. Doch genau diese Gedanken schossen Quinn plötzlich durch den Kopf und versetzten sie in große Unruhe.
Gegenüber NPR erklärte sie: „Je mehr ich darüber nachdachte, desto schlechter wurde mir. Die Person, der ich meine intimsten und schwierigsten Gefühle anvertrauen sollte, hat etwas völlig ignoriert, bei dem ich ausdrücklich gesagt hatte, dass ich mich damit unwohl fühle. Ich fühlte mich in meiner Privatsphäre vollkommen verletzt.“
Obwohl ihre Therapeutin anbot, das KI-Tool nicht mehr zu verwenden, brach Quinn die Behandlung ab und begann, nach einer neuen Therapeutin zu suchen. Gegenüber NPR sagte sie: „Das Vertrauen war einfach verschwunden.“
Digitale Halluzinationen
Wie viele andere medizinische Fachkräfte setzen auch Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten in den USA zunehmend auf KI-Tools, um Sitzungsnotizen anzufertigen und Gesprächsprotokolle automatisch zu erstellen. Die Unternehmen hinter diesen Anwendungen vermarkten sie als Wundermittel gegen Bürokratie und administrative Routinearbeiten, damit Therapeutinnen und Therapeuten mehr Zeit für ihre Patientinnen und Patienten haben – ganz nach dem bekannten Werbeversprechen der Tech-Branche: Lass uns die langweiligen Aufgaben für dich erledigen.
Dennoch bleibt die Zuverlässigkeit solcher KI-Systeme umstritten. Selbst wenn man das Problem der sogenannten KI-Halluzinationen außer Acht lässt, die bereits vereinzelt in klinischen Notizen auftauchen, ist keineswegs sicher, dass Patientinnen und Patienten diese Technologie überhaupt akzeptieren.
Laut einer von YouGov durchgeführten und von NPR veröffentlichten Umfrage stehen lediglich 11 Prozent der US-Amerikaner dem Einsatz von KI in der psychischen Gesundheitsversorgung offen gegenüber. Nur acht Prozent vertrauen auf einen solchen Einsatz, während 40 Prozent erklärten, dieser Technologie überhaupt nicht zu vertrauen.
Ein dritter Zuhörer
Die New Yorker Paartherapeutin Marissa Cohen erklärte gegenüber NPR: „Allein die Anwesenheit von KI verändert die therapeutische Erfahrung. Klientinnen und Klienten wissen oder spüren, dass noch etwas anderes zuhört. Dieses Bewusstsein kann unmerklich beeinflussen, was sie preisgeben.“
Sie fügte hinzu: „Sobald etwas elektronisch gespeichert wird, entstehen zusätzliche Fragen nach Vertrauen und Sicherheit. Im Grunde wird die KI zu einer dritten Partei, die Einblick in die intimsten Geheimnisse erhält.“
Gefahr durch Hacker
Tal Salman, Geschäftsführer des unter Therapeutinnen und Therapeuten weit verbreiteten KI-Notizdienstes Berries, betont hingegen, dass Gesprächsaufzeichnungen unmittelbar nach der Verarbeitung gelöscht würden und die Transkripte ausschließlich auf Servern gespeichert seien, die den strengen HIPAA-Vorgaben zum Schutz medizinischer Daten in den USA entsprächen.
Doch selbst wenn diese Zusicherungen zutreffen, werden KI-Werkzeuge ihren Platz in Therapieräumen kaum dauerhaft finden, solange sie das Vertrauen der Patientinnen und Patienten nicht gewinnen – und genau dieses Vertrauen hat die KI-Branche bislang offensichtlich noch nicht erreicht.
Quinn befürchtet, dass die aufgezeichneten Gespräche eines Tages in die Hände von Hackern gelangen könnten. Abschließend sagte sie: „Früher oder später wird es Datenlecks und Hackerangriffe geben – vielleicht nicht morgen oder nächste Woche, aber in ein paar Jahren? Davon bin ich überzeugt. Und ich möchte nicht, dass meine Therapiesitzungen zu den gestohlenen Daten gehören.“
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