Das Überwachungsnetz verfolgt jeden Mausklick
Von Joe Wilkins Veröffentlicht am
2026/07/09 22:10
Juni. 09, 2026
Heutzutage ist es nahezu unmöglich, im Internet zu surfen, ohne digitale Spuren zu hinterlassen. Verantwortlich dafür ist ein weitreichendes Überwachungssystem aus Cookies, Keyloggern, Browser-Fingerprinting, Tracking-Pixeln und vermutlich weiteren Technologien, die bislang noch gar nicht öffentlich bekannt geworden sind.
Das mag zunächst wie übertriebene Paranoia klingen – doch genau darauf weist eine neue, aufsehenerregende Studie österreichischer Cybersicherheitsforscher hin.
In ihrer wissenschaftlichen Arbeit beschreiben die Forschenden eine neuartige Angriffsmethode, die keinerlei Interaktion des Nutzers erfordert. Webseiten können sie problemlos einsetzen, um auf Informationen zuzugreifen, die auf dem Computer eines Besuchers gespeichert sind.
Die Technik trägt den Namen FROST (Fingerprinting Remote Objects via SSD Timing using the Browser's Origin Private File System). Hinter der komplizierten Bezeichnung verbirgt sich ein Verfahren, mit dem bösartige Webseiten das Verhalten eines Computers ausspionieren können – ganz ohne installierte Schadsoftware oder den Klick auf verdächtige E-Mail-Links.
Nach Angaben der Forschenden nutzt der Angriff die SSD-Festplatte des Computers aus. Diese Solid-State-Laufwerke haben klassische magnetische Festplatten inzwischen weitgehend verdrängt. Beim Besuch einer Webseite arbeitet die SSD kontinuierlich, da der Browser temporäre Dateien speichert, um das Surfen zu beschleunigen.
So funktioniert der Angriff
FROST erzeugt eine mehrere Gigabyte große Datei, die die SSD so stark beschäftigt, dass der Computer die temporären Webdaten nicht wie üblich effizient verarbeiten kann.
Während dieses riesige Datenpaket verarbeitet wird, misst die bösartige Webseite die Zeitabläufe der Datenzugriffe anderer Webseiten. Diese Messwerte werden anschließend von einem Machine-Learning-Modell ausgewertet, das Rückschlüsse darauf zieht, welche Aktivitäten der Nutzer im Internet ausführt.
Maschinelles Lernen im Dienst der Hacker
Obwohl der Begriff „Vorhersage“ vermuten lässt, dass lediglich Wahrscheinlichkeiten berechnet werden, arbeitet FROST erstaunlich präzise.
Die Forschenden berichten, dass ihr Machine-Learning-Modell mithilfe dieser Technik mit einer Genauigkeit von 88,95 Prozent vorhersagen konnte, welche Webseiten ein Nutzer besucht. Die verwendeten Anwendungen konnten sogar mit einer Trefferquote von 95,83 Prozent identifiziert werden.
Sicherheitsproblem für nahezu alle Systeme
Besonders problematisch ist, dass der Angriff unabhängig vom verwendeten Browser funktioniert. Da FROST auf die SSD zugreift, könnte ein Angreifer theoretisch das Surfverhalten in Firefox anhand eines über Google Chrome geöffneten Tabs analysieren.
Die Experimente wurden zwar ausschließlich auf macOS- und Linux-Systemen durchgeführt, doch die Forschenden betonen ausdrücklich, dass auch Windows-Computer grundsätzlich anfällig sein könnten.
„Theoretisch wäre es möglich, ein Modell für jede Systemaktivität zu trainieren, die zuverlässig Zugriffe auf die SSD erzeugt“, erklärte Hannes Weissteiner, Hauptautor der Studie, gegenüber Ars Technica.
Reichen provisorische Schutzmaßnahmen aus?
FROST gehört zu den Sicherheitslücken, die voraussichtlich durch Software-Updates und Änderungen an Webbrowsern beziehungsweise Webstandards behoben werden müssen.
Bis dahin empfiehlt Ars Technica, geöffnete Browser-Tabs unmittelbar nach ihrer Nutzung wieder zu schließen, um die Angriffsfläche zu verkleinern.
Diese Maßnahme bietet zwar keinen vollständigen Schutz, könnte jedoch verhindern, dass man zum nächsten Opfer einer neuen und äußerst beunruhigenden Generation von Cyberangriffen wird.
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