• 29 Juni 2026 - 10:54 PM

Kultur » Kunst

Haben die Bewunderer Leonardos jahrhundertelang das falsche Bild verehrt?


Von Jonathan Jones Veröffentlicht am 2026/07/08 10:35
Haben die Bewunderer Leonardos jahrhundertelang das falsche Bild verehrt?
Juni. 08, 2026
  1. 0
  2. 29

Vor sechs Jahren wurde das Gemälde Salvator Mundi, jenes sakrale Bild, das als wiederentdecktes Meisterwerk Leonardo da Vincis vermarktet wurde, für 450,3 Millionen US-Dollar (335 Millionen Pfund) verkauft. Damit hält es bis heute den Rekord als teuerstes jemals auf einer Auktion versteigertes Gemälde – und das trotz anhaltender Zweifel an seiner Urheberschaft, seiner Qualität und seiner Provenienz. Könnte sich dieses Szenario nun wiederholen, wenn ein weiteres umstrittenes Gemälde derzeit in Turin der Öffentlichkeit präsentiert wird?

Obwohl die Isleworth Mona Lisa derzeit nicht zum Verkauf steht, fällt es schwer zu glauben, dass ihre privaten Eigentümer der Versuchung eines spektakulären Verkaufs nicht erliegen könnten. Ist ihre Ausstellung in Italien der Auftakt zu einer Kampagne, die schließlich dazu führt, dass Leonardo seinen eigenen Weltrekord bricht?

Die Isleworth Mona Lisa ist ein Ölbild auf Leinwand, das der berühmten Mona Lisa des italienischen Renaissancekünstlers Leonardo da Vinci ähnelt und vermutlich im 15. oder 16. Jahrhundert entstand. In den Jahren 2015 und 2016 kamen mehrere wissenschaftliche, von Fachleuten begutachtete Veröffentlichungen zu dem Schluss, dass das Werk Leonardo zugeschrieben werden könne.

Die „männliche Mona Lisa“

Salvator Mundi wurde häufig als die „männliche Mona Lisa“ bezeichnet – ein Beiname, der dem Bild den Glanz von Leonardos berühmtestem Werk verleihen sollte. Die Mona Lisa Foundation in Zürich, die das in Turin ausgestellte Gemälde im Auftrag seiner anonymen Besitzer unterstützt, geht jedoch noch weiter: Sie behauptet, ihre Version sei die eigentliche Original-Mona Lisa.

Nach ihrer Darstellung handelt es sich um die erste Fassung des berühmten Porträts, das Lisa in jüngeren Jahren zeigt – noch bevor Leonardo jahrzehntelang an jener Version weiterarbeitete, die ihn bis zu seinem Lebensende nach Amboise begleitete und heute unzählige Selfies im Louvre in Paris anzieht.

Ein Mythos mit jahrhundertelanger Anziehungskraft

Der Zauber der Mona Lisa ist unbestreitbar – und zugleich schwer zu erklären. Manche führen ihre weltweite Berühmtheit auf ihren spektakulären Diebstahl im Jahr 1911 zurück, der international Schlagzeilen machte.

Doch schon lange zuvor war das Gemälde Gegenstand leidenschaftlicher Bewunderung. Im 19. Jahrhundert beschrieb der Kunstkritiker Walter Pater Lisa in ihrer geheimnisvoll grünen Landschaft als eine verführerische „Vampirin“ unter Wasser. Bereits im 16. Jahrhundert schrieb Giorgio Vasari, die Mona Lisa wirke so lebendig, als schlage ihr tatsächlich ein Puls.

Doch stellt sich nun eine provokante Frage: Haben Generationen von Bewunderern über fünf Jahrhunderte hinweg womöglich das falsche Gemälde verehrt? Müssten sie stattdessen die sogenannte Isleworth Mona Lisa bewundern – benannt lediglich deshalb, weil sie einst einem Kunsthändler im Londoner Stadtteil Isleworth gehörte? (Und weiß die Schweizer Stiftung eigentlich, dass Isleworth lediglich ein Vorort Londons und kein märchenhaftes Schloss ist?)

Zweifel an der Echtheit

Meiner Ansicht nach wirken die Behauptungen über die Isleworth Mona Lisa wenig überzeugend.

Es erscheint kaum vorstellbar, dass einer der sorgfältigsten, geduldigsten und perfektionistischsten Künstler der Geschichte ein derart schwaches Porträt geschaffen haben soll – eines, dem jede wirkliche menschliche Präsenz fehlt.

Leonardo malte bereits vor der Mona Lisa außergewöhnliche Frauenporträts. Jedes besitzt eine intensive innere Ausstrahlung: die melancholische Blässe der Ginevra de' Benci oder die lebendige Energie der Cecilia Gallerani. Dagegen wirkt die sogenannte Isleworth Mona Lisa bemerkenswert ausdruckslos. Ihr Lächeln erscheint banal und starr – im völligen Gegensatz zum subtilen, tiefgründigen Lächeln der echten Mona Lisa, das Leonardos minutiöse Studien der menschlichen Gesichtsmuskulatur bis hin zu den Lippen widerspiegelt.

Selbst die Gesichtsform wirkt unnatürlich – nicht nur, weil sie sich von der Louvre-Version unterscheidet, sondern weil ihr jene klassischen Proportionen und körperliche Glaubwürdigkeit fehlen, nach denen die Künstler der Renaissance strebten.

Wurde das Bild überhaupt naturwissenschaftlich datiert? Das Gesicht wirkt erstaunlich modern, obwohl das Gemälde angeblich irgendwann zwischen dem 16. und 18. Jahrhundert entstanden und später nach Großbritannien gelangt sein soll. Für mich sieht es eher wie eine schlechte Kopie oder gar eine bewusste Fälschung aus.

Die Argumentation der Stiftung

Die Schweizer Stiftung erklärt, der Unterschied im Gesicht erkläre sich dadurch, dass die Isleworth Mona Lisa Lisa in jungen Jahren zeige. Sie behauptet, über Belege zu verfügen, dass Leonardo zwei Versionen seines Meisterwerks geschaffen habe – wobei die erste bereits 1503 in Florenz begonnen worden sei.

Doch die historischen Belege, auf die sich diese These stützt, erscheinen zweifelhaft.

Die Entstehungsgeschichte der Mona Lisa ist außergewöhnlich gut dokumentiert. Sämtliche historischen Quellen sprechen von einem einzigen Gemälde – jenem Bild, an dem Leonardo über viele Jahre hinweg arbeitete.

Giorgio Vasari berichtet, Leonardo habe das Porträt in Florenz begonnen und Lisa del Giocondo, die Ehefrau des florentinischen Kaufmanns Francesco del Giocondo, dargestellt.

2005 wurde zudem in der Bibliothek der Universität Heidelberg eine handschriftliche Notiz aus dem Jahr 1503 entdeckt, die Vasaris Darstellung bestätigt. Darin vermerkt ein florentinischer Beamter ausdrücklich, Leonardo arbeite an einem Porträt der Lisa del Giocondo.

Handelt es sich dabei um die Isleworth Mona Lisa oder um das heute im Louvre befindliche Gemälde?

Die Hinweise sprechen für den Louvre

Die verfügbaren Belege sprechen eindeutig für die heute im Louvre ausgestellte Version.

Denn die Argumentation der Mona Lisa Foundation übersieht einen entscheidenden Aspekt dieser historischen Quelle: Sie macht ausdrücklich deutlich, dass Leonardos Porträt damals noch unvollendet war und auf absehbare Zeit auch nicht fertiggestellt werden sollte.

Genau dieses Bild passt zur Entstehungsgeschichte der Louvre-Mona Lisa.

Leonardo ließ das Werk jahrelang auf seiner Staffelei stehen, während er gleichzeitig an wissenschaftlichen Experimenten und technischen Erfindungen arbeitete. Röntgenaufnahmen und andere naturwissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass das Gemälde in einem außerordentlich komplexen und langsamen Arbeitsprozess entstand. Als Leonardo Lisa ursprünglich malte, lächelte sie nicht einmal.

Raffaels Zeichnung

Auch die Befürworter der Isleworth Mona Lisa führen eine Zeichnung Raffaels an, die eine Frau zwischen zwei Säulen zeigt und angeblich auf ihre Version zurückgehen soll.

Doch als Leonardo 1503 mit seinem Porträt begann, sorgte das Werk bereits für großes Aufsehen. Raffael besuchte Leonardos Werkstatt, sah das unvollendete Gemälde und fertigte unmittelbar danach seine eigene Skizze an. Sie dokumentiert lediglich eine frühe Entwicklungsphase jenes Porträts, das später zur Mona Lisa werden sollte.

Ein Mythos, der Leonardo nicht schadet

Wo liegt also die Wahrheit?

Es ist erstaunlich, dass ein Künstler, der bereits 1519 starb, noch immer derartige Kontroversen auslösen kann.

Ich bezweifle stark, dass es den Eigentümern letztlich gelingen wird, etwas zu verkaufen, das eher wie eine schwache Kopie als wie ein originales Werk Leonardos wirkt.

Doch selbst wenn sich die Vorstellung von einer „jungen Mona Lisa“ durch einen Mix aus Medienrummel, Romantik und Spekulation durchsetzen sollte, würde dies Leonardos Ansehen kaum schaden.

Seine Gemälde sind Tore zu seiner außergewöhnlichen Gedankenwelt. Seine eigentlichen Schätze liegen ohnehin in seinen Notizbüchern. Leonardo war ein Mensch, der Fossilien und geologische Zeiträume verstand, den menschlichen Körper sezierte, unsere innere Anatomie zeichnete und bereits ahnte, dass die menschliche Natur eines Tages durch Technologie verändert werden würde.

Leonardo selbst nährte den Mythos

Ironischerweise war es Leonardo selbst, der die ersten Legenden um sein berühmtestes Gemälde in Umlauf brachte.

Als ihn gegen Ende seines Lebens Geistliche in Amboise besuchten, erzählte er ihnen eine kaum glaubwürdige Geschichte über die Frau auf seiner Staffelei. Er behauptete, die Mona Lisa sei von Giuliano de’ Medici, dem Sohn Lorenzos des Prächtigen, als Porträt seiner Geliebten in Auftrag gegeben worden.

Warum erzählte Leonardo diese Geschichte?

Weil sie einfach besser war. Sie verband den klangvollen Namen der Medici mit der romantischen Aura einer geheimen Liebesgeschichte – weitaus reizvoller, als schlicht zu sagen, das Bild zeige eine angesehene Bürgerin aus dem Florenz der Renaissance.




Bewerten Sie dieses Thema



Nach oben