Neubewertung von „Der Kuss“: Ist die Frau bewusstlos?
Von Eliza Goodpasture Veröffentlicht am
2026/07/08 10:46
Juni. 08, 2026
Gustav Klimts Meisterwerk „Der Kuss“ gibt bis heute Anlass zu kontroversen Deutungen. Im Zentrum der Debatte steht eine provokante Frage: Ist die Frau bewusstlos? Könnte die Umarmung des Mannes sogar als gewaltsam verstanden werden? Das weltberühmte Gemälde fordert dazu heraus, vertraute Sehgewohnheiten zu hinterfragen und den Blick auf das vermeintlich romantische Motiv neu zu schärfen.
Gustav Klimt (14. Juli 1862 – 6. Februar 1918) war ein österreichischer Maler und einer der bedeutendsten Vertreter der Wiener Secession.
„Der Kuss“ gilt als sein berühmtestes Werk. Das mit Blattgold, Blattsilber und Platin verzierte Ölgemälde entstand zwischen 1907 und 1908 auf dem Höhepunkt seiner sogenannten Goldenen Periode. Es wurde 1908 erstmals unter dem Titel „Liebespaar“ ausgestellt.
Mehr als nur ein Bildmotiv
Manche Gemälde sind derart ikonisch geworden, dass man sie kaum noch als Kunstwerke wahrnimmt. Stattdessen begegnen sie uns als Poster an Schlafzimmerwänden, auf Tassen, Schlüsselanhängern oder sogar als Tätowierungen.
„Der Kuss“ ist ein besonders eindrucksvolles Beispiel dafür. Durch die ständige Wiederholung des Motivs im Alltag ist das Werk längst aus seinem ursprünglichen kunsthistorischen Zusammenhang herausgelöst worden.
Eine neue Perspektive auf das Gemälde eröffnet die Ausstellung „Klimt & The Kiss“. Sie zeigt eindrucksvolle Aufnahmen des Originals, das sich heute im Belvedere in Wien befindet, und verbindet diese mit Analysen von Kuratoren und Kunsthistorikern, um das Werk aus neuen Blickwinkeln zu betrachten.
Romantik – oder etwas Dunkleres?
Ivan Ristić, Kurator des Leopold Museums in Wien, bezeichnet das Gemälde als „ein Monument für einen Akt“. Doch unmittelbar unter der Oberfläche stellen sich schwierigere Fragen:
„Wer will das hier eigentlich wirklich? Was ist das Schicksal dieser Liebe – falls es überhaupt Liebe ist?“
Auf den ersten Blick erscheint die Szene romantisch und harmonisch. Je länger man sie betrachtet, desto ambivalenter wirkt sie.
Das von schimmerndem Gold dominierte Gemälde zeigt zwei eng umschlungene Figuren. Der Mann umfasst den Hals der Frau und küsst ihre Wange, während sein Gesicht dem Betrachter verborgen bleibt. Die Augen der Frau sind geschlossen, ihr Gesichtsausdruck wirkt eigentümlich leer.
Ihre Hände liegen um seinen Hals und berühren zugleich seine Hand, die ihren Hals umfasst. Sie kniet auf einer blühenden Wiese, während ihre nackten Füße am Rand eines Abgrunds zu schweben scheinen.
Macht und Verletzlichkeit
Stephanie Auer, Kuratorin im Belvedere, weist darauf hin, dass der goldene Mantel des Mannes mit rechteckigen Ornamenten verziert ist, während das Gewand der Frau aus weichen, geschwungenen Formen besteht – eine bewusste Gegenüberstellung klassischer männlicher und weiblicher Symbolik.
Gerade diese Gegenüberstellung verleiht der Szene eine irritierende Spannung.
Die Umarmung des Mannes wirkt auf manche Betrachter dominant, ja beinahe gewaltsam, während die Frau hilflos, verzweifelt oder fast bemitleidenswert erscheint.
Ist sie bewusstlos? Hat sie lediglich die Augen vor Lust geschlossen? Erwidert sie seine Umarmung – oder versucht sie, seine Hände von sich wegzuschieben?
Viele Deutungen
Kunsthistoriker und Betrachter haben im Laufe der Zeit zahlreiche Interpretationen entwickelt.
Einige sehen in dem Gemälde eine allegorische Darstellung der Liebe oder einen Verweis auf den griechischen Mythos von Ariadne und Dionysos.
Andere glauben, das Bild stelle Gustav Klimt selbst gemeinsam mit seiner Muse Emilie Flöge dar.
Klimt und Flöge kamen sich 1892 näher. Er war damals 30 Jahre alt, sie erst 18. Flöge entwickelte sich später zu einer erfolgreichen Modeschöpferin und Schneiderin und bewegte sich gemeinsam mit Klimt in den eleganten Bohème-Kreisen Wiens.
Obwohl sie niemals heirateten, vermachte Klimt ihr die Hälfte seines Nachlasses.
Eine rätselhafte Beziehung
Wie viele historische Beziehungen bleibt auch ihre Verbindung bis heute rätselhaft.
Zwar ist bekannt, dass Klimt zahlreiche sexuelle Beziehungen zu Modellen und Auftraggeberinnen unterhielt, doch Emilie Flöge blieb seine lebenslange engste Begleiterin. Manche Historiker gehen sogar davon aus, dass ihre Beziehung rein platonisch gewesen sein könnte.
Vielleicht zeigt „Der Kuss“ eine romantische Fantasie über eine Liebe, die körperliche Gestalt annimmt. Vielleicht spiegelt das Werk aber auch ihre tatsächliche außergewöhnliche Partnerschaft wider.
Obwohl „Der Kuss“ zum Inbegriff von Klimts Stil geworden ist, arbeitete der Künstler keineswegs ausschließlich mit Blattgold.
Wien am Ende eines Zeitalters
Gustav Klimt wurde 1862 als Sohn einer einfachen Familie in Wien geboren. Auch seine Brüder Georg und Ernst wurden Künstler und von ihren Eltern gefördert.
Von 1876 bis 1883 studierte Klimt an der Kunstgewerbeschule Wien, wo er eine klassische akademische Ausbildung erhielt.
Nach seinem Studienabschluss erhielt er erste große Aufträge zur Ausgestaltung neuer Gebäude an der Ringstraße, jener monumentalen Prachtstraße, die zwischen den 1860er- und 1890er-Jahren entstand und das Erscheinungsbild Wiens nachhaltig prägte.
„Der Kuss“ entstand in einer Epoche, in der die Habsburgermonarchie zugleich kulturelle Blüte und gesellschaftliche Spannungen erlebte. Hinter der Pracht der Ringstraße und der Eleganz Wiens verbargen sich soziale Ungleichheit, politische Krisen und ein schleichender gesellschaftlicher Wandel.
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