60 % der Kinder nutzen Smartphones, bevor sie lesen lernen
Von Beth Greenfield Veröffentlicht am
2026/07/06 16:51
Juni. 06, 2026
Die Sorge über Kinder und die zunehmende Zeit vor Bildschirmen wächst: verzögerte kognitive Entwicklung, Probleme bei exekutiven Funktionen sowie steigende Raten von Depressionen, Angstzuständen und Schlafstörungen – all dies wird mit frühzeitiger und häufiger Nutzung von Smartphones, Tablets und anderen Bildschirmen in Verbindung gebracht.
Viele Eltern ignorieren jedoch die Forschung und die ernsthaften Warnungen von Institutionen wie der American Academy of Child and Adolescent Psychiatry sowie des Sozialwissenschaftlers und Autors Jonathan Haidt, der empfiehlt, Kindern vor der weiterführenden Schule kein Smartphone zu geben.
Tatsächlich geben 60 % der Eltern laut einer Harris-Umfrage des Unternehmens Bright Horizons, das sich auf frühkindliche Bildung spezialisiert hat, an, dass ihre Kinder bereits Technologie genutzt haben, bevor sie lesen konnten. Zudem sagen 73 %, dass ihre Kinder eine „digitale Entgiftung“ bräuchten – darunter 68 % der Eltern mit Kindern unter sechs Jahren.
Die American Academy of Pediatrics (AAP) empfiehlt, die Bildschirmzeit für Kinder unter zwei Jahren stark zu begrenzen und nur unter Aufsicht eines Erwachsenen zu erlauben, der Inhalte erklärt und begleitet. Die Richtlinien betonen, dass Kinder unter zwei Jahren am besten durch das Erkunden der physischen Welt lernen und sich entwickeln – durch Spiel und soziale Interaktion mit Eltern, Geschwistern und anderen Bezugspersonen.
Für Kinder zwischen zwei und fünf Jahren sollte die Bildschirmzeit auf maximal eine Stunde pro Tag begrenzt sein und sich auf Videoanrufe oder pädagogische Inhalte wie „Sesamstraße“ beschränken.
Laut Daten von Common Sense Media sehen Kinder unter zwei Jahren jedoch im Durchschnitt mehr als eine Stunde täglich Bildschirme, während Kinder zwischen zwei und vier Jahren etwa zwei Stunden und acht Minuten pro Tag vor Bildschirmen verbringen.
Warum hören Eltern nicht auf die Warnungen?
Obwohl 49 % der Eltern sich Sorgen um die psychische Gesundheit ihrer Kinder machen und 42 % die Bildschirmzeit kritisch sehen, halten sich viele nicht an die Empfehlungen.
Ein Grund ist Überforderung: 55 % der Eltern nutzen Bildschirme als Druckmittel, damit Kinder Aufgaben erledigen, während 58 % sie einsetzen, um Kinder in Situationen wie Einkaufen oder Restaurantbesuchen ruhig zu halten.
Die Psychologin Becky Kennedy erklärt zudem, dass die Situation neu und beispiellos sei. „Elternschaft war nie einfach, aber in einer digitalen Welt voller Ablenkungen ist es unrealistisch zu erwarten, dass alles natürlich funktioniert.“ Sie betont, dass Eltern sich nicht übermäßig selbst beschuldigen sollten – gleichzeitig werde es jedoch schwieriger, Grenzen zu setzen, je stärker Erwachsene selbst an Bildschirme gebunden seien.
Trotzdem, so Kennedy, steigen die Kosten fehlender Grenzen mit der Zeit deutlich.
Risiken früher und übermäßiger Bildschirmnutzung
Rachel Robertson, Leiterin des akademischen Bereichs bei Bright Horizons, hält die Ergebnisse für besorgniserregend und betont die Bedeutung langfristigen Denkens in der kindlichen Entwicklung.
„Wir legen die Grundlage für das gesamte spätere Leben. Bildschirme tragen nichts zu dieser frühen Entwicklung bei – im Gegenteil, sie können sie behindern“, sagt sie. Verlorene Entwicklungszeit lasse sich nicht nachholen.
Wenn Kinder beispielsweise im Supermarkt schreien und zur Beruhigung ein Smartphone bekommen, helfe dies kurzfristig – langfristig gehe jedoch die Chance verloren, Selbstregulation und emotionale Kontrolle zu entwickeln.
Die Nutzung von Bildschirmen als ständige Ablenkung verhindere den Aufbau wichtiger kognitiver und sozialer Fähigkeiten.
Zudem verweist sie auf Forschung von Jonathan Haidt, der Zusammenhänge zwischen intensiver Bildschirmnutzung und steigenden psychischen Belastungen bei Jugendlichen beschreibt.
Wie können Eltern die Nutzung reduzieren?
1. Bewusst Entscheidungen treffen
Robertson betont, dass vielen Eltern die „Absichtlichkeit“ fehlt. Bildschirme seien allgegenwärtig – im Auto, im Flugzeug oder in der Hand der Eltern selbst – wodurch Kinder oft unbewusst zu viel Bildschirmzeit erhalten.
Sie empfiehlt, aktiv vorzubeugen, etwa durch eine kleine „Beschäftigungstasche“ mit Spielzeug, Papier und Stiften für unterwegs.
2. Bildschirme durch klassische Spiele und Bücher ersetzen
Einfache Spiele wie „Ich sehe was, was du nicht siehst“ oder „Simon sagt“ können helfen, Kinder zu beschäftigen. Auch Bücher seien besonders wertvoll, da Kinder Wiederholung lieben und dadurch Sicherheit und Kreativität entwickeln.
3. Bildschirmzeit gezielt einsetzen
Robertson spricht sich nicht für ein völliges Verbot aus, sondern für einen bewussten Umgang. Kinder könnten Technologie beispielsweise nutzen, um etwas zu recherchieren – etwa beim gemeinsamen Kochen.
So werde Technologie zu einem Lernwerkzeug statt reiner Unterhaltung.
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