Kaffee ohne Kaffeebohnen – wie soll das funktionieren?
Von Alice Lascelles Veröffentlicht am
2026/07/06 06:51
Juni. 06, 2026
Der weltweite Kaffeekonsum hat sich in den vergangenen 30 Jahren nahezu verdoppelt – und Experten gehen davon aus, dass die Nachfrage weiter steigen wird, da immer mehr Verbraucher in China und Indien vom traditionellen Tee zum Kaffee wechseln. Diese Entwicklung schürt wachsende Sorgen über Abholzung, Bodendegradation und einen enormen Wasserverbrauch. Gleichzeitig haben die zunehmenden Wetterextreme infolge des Klimawandels die Preise für Kaffeebohnen in die Höhe getrieben. Doch gibt es eine Alternative?
Der in Seattle ansässige Unternehmer Andy Kleitsch ist überzeugt, dass Kaffee ganz ohne Kaffeebohnen die Antwort sein könnte. Sein Unternehmen Atomo produziert einen Espresso-Ersatz aus einer Mischung recycelter und nachhaltig angebauter Pflanzen – darunter Dattelkerne, Guaven und Sonnenblumenkerne. Das Koffein stammt nicht aus Kaffee, sondern wird aus grünem Tee gewonnen, der reich an L-Theanin ist – einer Aminosäure, die für einen gleichmäßigeren und weniger nervösen Energieschub sorgen soll als herkömmlicher Kaffeekoffein.
Kleitsch zufolge verursacht diese Mischung 83 Prozent weniger CO₂-Emissionen und benötigt 70 Prozent weniger landwirtschaftliche Fläche als konventioneller Kaffee. Zu den Investoren des Unternehmens zählt inzwischen auch der japanische Getränkekonzern Suntory.
„Unser Ziel ist nicht, Kaffeebauern zu verdrängen“, betont Kleitsch. „Es geht vielmehr darum, das erwartete Nachfragewachstum der kommenden drei Jahrzehnte nachhaltig aufzufangen. Wir dürfen Kaffee nicht länger gegen Wälder eintauschen.“
Ich habe den „Coachella Latte Blend“ von Atomo (340 Gramm für 15,99 US-Dollar) ausprobiert – entstanden in Zusammenarbeit mit Hagen, dem ersten Café im Vereinigten Königreich, das Atomo anbietet – und war positiv überrascht. Geschmacklich kommt das Getränk erstaunlich nah an echten Kaffee heran. Und wie versprochen blieb das typische Tief aus, das sich nach einer gewöhnlichen Tasse Kaffee oft einstellt.
Weitere Welle alternativer Kaffeegetränke
Zu den weiteren Innovatoren gehört das niederländische Unternehmen Northern Wonder, dessen Kaffeealternative (250 Gramm für 5,39 Euro) aus Lupinen und Kichererbsen hergestellt wird. Aus Singapur stammt Prefer Coffee, das unter anderem einen eisgekühlten Hafer-Latte (250 Milliliter für fünf US-Dollar) auf Basis von Reis und Sojabohnen anbietet.
Ganz neu ist die Idee eines Kaffeeersatzes allerdings nicht. In Zeiten der Knappheit griffen Menschen seit jeher auf Alternativen aus Zichorie, Löwenzahnwurzel oder sogar Eicheln zurück. In New Orleans gehört Chicorée-Kaffee bis heute traditionell zu den berühmten Beignets.
Was viele der neuen Alternativen jedoch besonders macht, ist ihr raffinierter Einsatz von Tee. Dadurch entsteht ein erstaunlich kaffeeähnliches Aroma, während gleichzeitig eine gezielt abgestimmte Koffeinwirkung erzielt wird.
Dawn-Dusk Coffee
Der erst kürzlich eingeführte Dawn-Dusk Coffee (250 Gramm für 30 Pfund Sterling) wurde exklusiv für die Geschäfte von JW Anderson vom renommierten Londoner Teehaus Postcard Teas entwickelt.
Die Mischung aus gerösteten Kuromame-Sojabohnen und hochwertigen Schwarztees verbindet die rauchigen Röstaromen von Kaffee mit der sanften Eleganz eines guten Tees. Zubereitet wird sie in einer French Press und kann sowohl mit als auch ohne Milch getrunken werden.
Moka-Cha
Einen anderen Ansatz verfolgt Moka-Cha (50 Gramm für 28 Euro). Die Bio-Mischung basiert auf japanischem Hōjicha-Tee und wurde in Mailand speziell für die klassische italienische Mokkakanne entwickelt.
Das Ergebnis ist weniger intensiv als ein kräftiger Espresso und erinnert geschmacklich eher an erdige Waldnoten mit feinen Röstaromen.
Der Mailänder Teeexperte Kenzo Terada erklärt: „Ich wollte Kaffeetrinkern den Zugang zum japanischen Tee erleichtern. Dabei erkannte ich eine Gemeinsamkeit zwischen der italienischen Mokkakanne und der japanischen Teekanne: In beiden Ländern besitzt fast jeder Haushalt eine davon. Diese Verbindung ließ mich glauben, dass das Konzept funktionieren könnte.“
Sollte sich bohnenfreier Kaffee ausgerechnet in Italien durchsetzen – einem Land, das wie kaum ein anderes für seine Espressokultur steht –, wäre das wohl der endgültige Beweis dafür, dass diese neue Generation von Kaffeealternativen den Durchbruch geschafft hat.
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