Mediziner-Professor: Der Tod ist ein umkehrbarer Prozess
Von Nour El Sebai Veröffentlicht am
2026/07/06 15:46
Juni. 06, 2026
Ist der Tod tatsächlich das endgültige Ende – oder lediglich eine „körperliche Verletzung“, deren Behandlung die Medizin noch nicht vollständig beherrscht? Mit Aussagen, die von vielen als revolutionär für die moderne Medizin bezeichnet werden, stellt Professor Sam Parnia, einer der weltweit führenden Experten für Nahtoderfahrungen an der New York University, eine seit Jahrtausenden verankerte Vorstellung infrage. Nach seiner Auffassung markiert der Herzstillstand nicht das Ende des Lebens, sondern den Beginn eines biologischen Prozesses, der unter bestimmten Umständen medizinisch umkehrbar sein könnte.
Der Experte für Nahtoderfahrungen betont, dass ein Herzstillstand nicht zwangsläufig das endgültige Ende bedeute. Moderne medizinische Maßnahmen könnten Patienten in vielen Fällen dabei helfen, dem Tod erfolgreich zu entkommen.
In einem Interview mit der Zeitung The Telegraph erklärte Sam Parnia, außerordentlicher Professor für Medizin am NYU Langone Medical Center, dass die medizinische Gemeinschaft beim Verständnis von Tod und Sterbeprozess noch immer erheblich hinter dem wissenschaftlichen Erkenntnisstand zurückliege.
Nach Angaben Parnias deuten Studien der vergangenen fünf Jahre – darunter auch Forschungsarbeiten seines eigenen Labors an der New York University – darauf hin, dass das menschliche Gehirn nicht nur Stunden, sondern möglicherweise sogar Tage nach dem Tod noch grundsätzlich rettbar sein könnte.
Erinnerungen nach dem Herzstillstand
In einer im vergangenen Jahr veröffentlichten Studie seines Forschungsteams berichteten einige Patienten nach einem Herzstillstand von Erinnerungen an ihre Nahtoderfahrungen, obwohl ihr Herz bis zu einer Stunde lang stillgestanden hatte. Gleichzeitig zeigte sich bei diesen Patienten ein bemerkenswertes Muster der Gehirnaktivität: Bei rund 40 Prozent der Fälle kehrte die Hirnaktivität innerhalb einer Stunde nach Beginn der kardiopulmonalen Reanimation (CPR) auf ein normales oder nahezu normales Niveau zurück.
Unter Berufung auf weitere Studien – darunter eine kontrovers diskutierte Untersuchung der Yale University, bei der Gehirne enthaupteter Schweine 14 Stunden nach der Schlachtung teilweise wieder aktiviert wurden – vertritt Parnia die Auffassung, dass die Vorstellung vom Tod als unumkehrbarem Endzustand eher ein gesellschaftliches Konzept als eine wissenschaftliche Tatsache sei.
„Wenn wir die gesellschaftliche Definition beiseitelassen, nach der mit dem Tod alles endet, und den Vorgang objektiv betrachten, erkennen wir, dass der Tod im Grunde ein behandelbarer Verletzungsprozess ist“, sagte Parnia gegenüber der Zeitung.
Neue Ansätze zur Wiederbelebung
Nach seiner Theorie könnte dieser Prozess nicht nur mithilfe der extrakorporalen Membranoxygenierung (ECMO) umgekehrt werden, die vorübergehend die Funktion von Herz und Lunge übernimmt, sondern auch durch gezielt zusammengestellte Medikamentenkombinationen, deren Wirksamkeit in Tierversuchen untersucht wurde.
Parnia erklärte, sein Team sei nach seiner Kenntnis weltweit das einzige, das sogenannte „CPR-Cocktails“ einsetze. Diese Kombination umfasst unter anderem Adrenalin, das Diabetesmedikament Metformin, Vitamin C, das antidiuretische Medikament Vasopressin sowie Sulbutiamin, ein Nahrungsergänzungsmittel gegen Erschöpfung. Ziel sei es, die Erfolgschancen der Wiederbelebung bei Patienten mit Herzstillstand zu verbessern.
„Warum sollte ich tot bleiben?“
Der 52-jährige Mediziner zeigt sich von seinem Ansatz überzeugt. Aufgrund seines Alters und Geschlechts halte er es für wahrscheinlich, irgendwann selbst einen Herzstillstand zu erleiden. Sollte dies geschehen, sehe er jedoch keinen Grund, warum er sterben müsse, solange Verfahren wie ECMO und die von ihm eingesetzten Medikamentenkombinationen verfügbar seien.
Im Gespräch mit The Telegraph fragte Parnia:
„Wenn ich morgen einen Herzstillstand erleide und sterbe – warum sollte ich tot bleiben? Das ist heute nicht mehr zwangsläufig notwendig.“
Parnia räumt ein, dass seine Vorstellungen einer Wiederbelebung nach dem Tod entscheidend vom Faktor Zeit abhängen. Sollte sich seine Sichtweise jedoch bestätigen, könnte der Tod künftig nicht mehr als endgültige Grenze verstanden werden, sondern als biologischer Zustand, der unmittelbar nach seinem Eintritt – oder möglicherweise sogar noch später – unter bestimmten Bedingungen rückgängig gemacht werden kann.
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