• 29 Juni 2026 - 10:54 PM

Universum » Ägyptologie

Weder dunkel- noch hellhäutig: Der genetische Code enthüllt die Hautfarbe der Pharaonen


Von Philip Perry Veröffentlicht am 2026/07/04 16:35
Weder dunkel- noch hellhäutig: Der genetische Code enthüllt die Hautfarbe der Pharaonen
Juni. 04, 2026
  1. 0
  2. 35

Die ethnische Herkunft und das ursprüngliche Erscheinungsbild der alten Ägypter gehören seit den 1970er-Jahren zu den umstrittensten Themen der Ägyptologie, Geschichtsforschung und Anthropologie. Während einige Wissenschaftler sie den Bevölkerungen Subsahara-Afrikas zuordneten, versuchten andere – darunter extremistische Gruppen – anhand von Blutgruppenanalysen eine angeblich „nordische“ (nordeuropäische) Abstammung von Pharao Tutanchamun und seinen Vorfahren zu belegen.

Eine bahnbrechende wissenschaftliche Entdeckung hat diese weltweite Debatte nun auf eine neue Grundlage gestellt. Die entschlüsselten genetischen Daten liefern eine klare wissenschaftliche Antwort: Sie widerlegen sowohl die Behauptungen afrozentrischer Strömungen, die die pharaonische Zivilisation ethnisch dem zentralen oder südlichen Afrika zuschreiben, als auch ältere eurozentrische Theorien. Stattdessen verorten sie die Pharaonen genetisch im natürlichen Umfeld des Nahen Ostens und des Mittelmeerraums.

Ein internationales Forscherteam überwand mithilfe modernster Technologien das jahrzehntelange Problem der DNA-Gewinnung aus Mumien und präsentierte die erste erfolgreiche Entschlüsselung des Genoms altägyptischer Mumien. Damit wurde eines der größten historischen Rätsel auf genetischer Grundlage neu bewertet.

Die Pharaonen und ihre Verwandtschaft mit den Völkern des Nahen Ostens 

Die in der Fachzeitschrift Nature Communications veröffentlichte Studie zeigt, dass die alten Ägypter genetisch enger mit den Bevölkerungen des Nahen Ostens verwandt waren – insbesondere mit den Bewohnern der Levante, also des heutigen Syriens, Libanons, Jordaniens, Palästinas sowie Teilen der Türkei und des Irak.

Untersucht wurden Mumien aus der Zeit des Neuen Reiches sowie aus späteren Epochen bis in die römische Herrschaftszeit über Ägypten.

Die genetischen Vergleiche lieferten bemerkenswerte Erkenntnisse über die demografische Entwicklung der Bevölkerung im Niltal:

Nur etwa acht Prozent des Erbguts heutiger Ägypter stammen von Bevölkerungen Zentralafrikas – ein deutlich höherer Anteil als bei den alten Pharaonen.
Erst in den vergangenen 1.500 Jahren gelangte verstärkt genetisches Material aus Subsahara-Afrika nach Ägypten. Die Forschenden führen dies unter anderem auf den transsaharischen Sklavenhandel, den Ausbau des Fernhandels sowie verbesserte Schifffahrtsmöglichkeiten auf dem Nil zurück.

Genetische Stabilität trotz zahlreicher Eroberungen 

Ägypten wurde im Laufe seiner langen Geschichte wiederholt erobert – von Alexander dem Großen und den Ptolemäern über die Römer bis hin zur islamischen Expansion. Die zentrale Frage lautete daher, ob diese Herrschaftswechsel die genetische Zusammensetzung der Bevölkerung nachhaltig verändert haben.

Wolfgang Haak, Leiter der Forschungsgruppe am Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte in Deutschland, erklärte:

„Die Gene der Bevölkerung von Abusir el-Meleq zeigten während des rund 1.300 Jahre umfassenden Untersuchungszeitraums keine wesentlichen Veränderungen. Das deutet darauf hin, dass die Einwohner genetisch weitgehend unbeeinflusst von Eroberungen und ausländischer Herrschaft blieben.“

Ein wissenschaftlicher Durchbruch unter schwierigsten Bedingungen 

Die Studie wurde von Johannes Krause vom Max-Planck-Institut geleitet. Die größte Herausforderung bestand darin, intakte DNA zu gewinnen. Das heiße ägyptische Klima, die hohe Luftfeuchtigkeit in den Gräbern sowie die bei der Mumifizierung verwendeten Chemikalien zerstören genetisches Material normalerweise fast vollständig.

Krause und sein Team setzten modernste Hochdurchsatz-Sequenzierung sowie besonders strenge Prüfverfahren ein und führten die erste umfassende Genomanalyse von Mumien aus der archäologischen Stätte Abusir el-Meleq durch. Die Nekropole liegt etwa 115 Kilometer südlich von Kairo am Nil und ist für ihre Gräber bekannt, die mit dem Kult des Gottes Osiris verbunden sind.

Die Wissenschaftler gingen dabei folgendermaßen vor:

Sie isolierten mitochondriale DNA aus 90 Mumien.
Es gelang ihnen, die vollständigen Genome von drei Mumien mithilfe von Proben aus Zähnen, Knochen und Weichteilgewebe mit hoher Genauigkeit zu entschlüsseln. Knochen und Zähne boten dabei den besten Schutz für das Erbgut.
Die Proben wurden in ein vollständig steriles Labor in Deutschland gebracht und vor der Sequenzierung eine Stunde lang mit ultraviolettem Licht sterilisiert, um Verunreinigungen auszuschließen.


Langfristige genetische Kontinuität – mit offenen Fragen 

Um die Ergebnisse historisch einzuordnen, verglichen die Forschenden das Erbgut der Mumien mit dem von 100 heutigen Ägyptern und 125 Äthiopiern.

Johannes Krause erklärte:

„Über einen Zeitraum von 1.300 Jahren konnten wir eine bemerkenswerte genetische Kontinuität feststellen.“

Dieser Zeitraum reicht von der ältesten untersuchten Mumie aus dem Neuen Reich (1388 v. Chr.), als Ägypten seine politische und kulturelle Blüte erlebte, bis zur jüngsten Mumie aus dem Jahr 426 n. Chr., als das Land bereits unter römischer Herrschaft stand.

Trotz des wissenschaftlichen Durchbruchs weist die Studie jedoch auf wichtige Einschränkungen hin: Sämtliche genetischen Daten stammen aus nur einer archäologischen Fundstätte in Mittelägypten und spiegeln daher möglicherweise nicht die genetische Vielfalt des gesamten alten Ägyptens wider. Die Forscher halten es für wahrscheinlich, dass die Bevölkerung Oberägyptens genetisch stärker mit den Regionen des afrikanischen Kontinents südlich der Sahara verbunden war.

In den kommenden Forschungsphasen wollen die Wissenschaftler den genauen Zeitpunkt bestimmen, zu dem sich Gene aus Subsahara-Afrika mit dem ägyptischen Genpool vermischten, die Ursachen dieses Prozesses untersuchen und noch ältere DNA-Proben analysieren. Ziel ist es, die genetische Geschichte Ägyptens bis in die Vorgeschichte zurückzuverfolgen und die letzten Lücken in der frühen Menschheitsgeschichte zu schließen.

Bewerten Sie dieses Thema



Nach oben