Katzensitting – der neueste Trend im Reisetourismus
Von Lucy Handley Veröffentlicht am
2026/07/09 06:50
Juni. 09, 2026
Reiseliebhaber sind oft bereit, ungewöhnliche Wege zu gehen, um ihre Leidenschaft auszuleben. Manche finanzieren ihre Reisen durch Gelegenheitsjobs vor Ort, andere sparen Hotelkosten durch Camping. Viele entscheiden sich für Freiwilligenarbeit, um Reise- und Unterkunftskosten zu reduzieren. Der neueste Trend in dieser Entwicklung heißt jedoch: Katzensitting.
Die Journalistin Lucy Handley erzählt ihre außergewöhnliche Geschichte darüber, wie sie fünf Katzen betreute und dafür zwei Wochen kostenlos auf der spanischen Insel Mallorca wohnen durfte.
„Ich liebe Spanien“, schreibt Handley. „Als mich eine Bekannte fragte, ob ich während ihres zweiwöchigen Aufenthalts in den USA auf ihre fünf Katzen auf Mallorca aufpassen könnte, durfte ich kostenlos in ihrem Haus wohnen – da musste ich nicht lange überlegen.“
Da sie so etwas noch nie zuvor gemacht hatte, vereinbarte sie zunächst ein Videotelefonat mit der Hausbesitzerin Daniela, die aus ihrem Wohnzimmer im kleinen Inselort Binissalem mit ihr sprach.
Daniela, eine Business-Coach aus der Schweiz, die seit einigen Jahren auf Mallorca lebt, erklärte, dass sie in wenigen Wochen zu einer Fortbildung nach Arizona reisen werde. Während ihrer Abwesenheit suche sie eine vertrauenswürdige Person, die sich um ihre fünf geretteten Katzen Vero, Jabo, Nonik, Orion und Yoda kümmern könne.
Da die Katzen während der warmen Jahreszeit überwiegend draußen lebten, müsse sie lediglich zweimal täglich gefüttert und gelegentlich nach ihnen gesehen werden. Als Gegenleistung dürfe Lucy kostenlos im Gästezimmer wohnen und sogar Danielas Auto benutzen.
„Haben Sie Erfahrung mit Katzen?“, fragte Daniela.
Lucy antwortete ehrlich:
„Seit meiner Jugend hatte ich keine Katzen mehr betreut. Aber ich mochte die Haustiere meiner Freunde schon immer und empfand ihre Gesellschaft als angenehm.“
Zwischen Vorfreude und Unsicherheit
Obwohl sie sich auf das Abenteuer freute, war sie anfangs etwas nervös.
Allein zu reisen war für sie nichts Neues – sie hatte bereits Vietnam, Bali und Las Vegas auf eigene Faust besucht. Doch noch nie hatte sie allein im Haus einer fremden Person im Ausland gewohnt. Sie befürchtete, sich einsam zu fühlen.
Diese Sorgen erwiesen sich jedoch schnell als unbegründet.
Vor ihrer Abreise zeigte Daniela ihr nicht nur das Haus, sondern führte sie auch durch das historische Zentrum von Binissalem mit seinen engen Gassen, den traditionellen Natursteinhäusern und dem wöchentlichen Markt auf dem Dorfplatz.
Beim gemeinsamen Mittagessen im Restaurant Es P'dal stellte Daniela ihr mehrere englischsprachige Auswanderer vor, die seit Jahren auf Mallorca leben. Einer organisierte Hochzeiten und Veranstaltungen auf der Insel, ein anderer arbeitete als Life Coach.
Außerdem fügte Daniela sie einer gemeinsamen WhatsApp-Gruppe hinzu, in der regelmäßig Veranstaltungen und Freizeitaktivitäten organisiert wurden.
Fünf Katzen – fünf Persönlichkeiten
Nachdem Lucy Daniela am nächsten Morgen zum Flughafen gebracht hatte, begann ihr erstes Abenteuer als Katzensitterin.
Daniela hatte jede Katze sorgfältig vorgestellt und sogar für jedes Tier ein Foto mit einer kurzen Charakterbeschreibung ausgedruckt.
Vero – der jüngste Kater mit weichem rotem Fell.
Yoda – ein schüchterner grauer Kater mit grünen Augen, der seine Tage am liebsten draußen verbringt.
Nonik – ein rot-weißer Kater, dessen Lieblingsspeise Thunfisch ist.
Orion – ein langhaariger Kater und der heimliche Chef des Hauses.
Jabo – ein schwarz-weißer Kater, der ständig nach Futter bettelte.
Kaum war Lucy mit Danielas weißem Cabrio vom Flughafen zurückgekehrt, schmiegte sich Jabo bereits an ihr Bein und hoffte auf eine kleine Belohnung.
Ein neuer Alltag auf Mallorca
Schon nach wenigen Tagen entwickelte sich eine feste Routine.
Morgens gegen acht Uhr wurde Lucy vom Läuten der Kirchenglocken geweckt. Anschließend räumte sie die Futterschalen vom Vorabend weg, bereitete den Katzen ihr Frühstück zu, füllte Trockenfutter nach und sorgte für frisches Wasser.
Danach prüfte sie das Wetter. War Sonnenschein angekündigt, arbeitete sie vormittags an ihrem Newsletter und nutzte den Nachmittag, um Mallorca zu erkunden.
Zu ihren Lieblingsstränden gehörten Playa de Muro an der Nordküste mit seinem türkisfarbenen Wasser und den langen hellen Sandstränden sowie die kleine Kiesbucht Cala Sillot, neben der sich ein Restaurant mit herrlichem Blick auf die Bucht von Pollença befindet.
Am Abend kehrte sie nach Binissalem zurück, suchte die Katzen im Garten, fütterte sie und verbrachte kühle Abende entspannt auf dem Sofa – natürlich in Gesellschaft ihrer neuen tierischen Mitbewohner.
Yoga, Literatur und neue Freundschaften
Eines Tages besuchte Lucy einen Yogakurs im nahe gelegenen Studio Bini Balance, wo die Lehrerin Cristina den Unterricht auf Englisch und Spanisch gab.
Anschließend lud sie Lucy zu einem Wochenendausflug in das nahe gelegene Serra-de-Tramuntana-Gebirge ein.
Dort praktizierte die Gruppe Yoga auf einer Lichtung zwischen den Bäumen und genoss anschließend eine frisch im Freien zubereitete Paella.
Auch ihre Freundin Holly, die den Kontakt zu Daniela hergestellt hatte, nahm sie mit zu einem Kreativschreibkurs der Autorin und Lektorin Alice LaPlante, die viele Jahre an der Stanford University gelehrt hat und heute auf Mallorca lebt.
Im Haus der Schriftstellerin in Palma, der Hauptstadt der Insel, beschäftigte sich die Gruppe mit Kurzgeschichten und der Kunst eindrucksvoller Landschaftsbeschreibungen. In der folgenden Woche trafen sich alle erneut, um gemeinsam einen zuvor gelesenen Roman zu diskutieren.
Holly empfahl ihr außerdem zwei Restaurants: das italienische La Trencadora im malerischen Ort Pollença sowie Sa Placeta in Palma, das traditionelle mallorquinische Küche auf einem schattigen Platz serviert.
Abschied mit Wehmut
Nach zwei Wochen war es schließlich Zeit, nach London zurückzukehren.
„Durch das Katzensitting fühlte ich mich nicht wie eine Touristin, sondern wie eine Bewohnerin der Insel“, schreibt Lucy Handley.
„Der Abschied von meinen fünf neuen Katzenfreunden fiel mir deshalb erstaunlich schwer.“
Bewerten Sie dieses Thema