Studie: Immer mehr Studierende lesen auf Grundschulniveau
Von Joe Wilkins Veröffentlicht am
2026/07/05 15:05
Juni. 05, 2026
Die Zeiten, in denen Studienanfänger an Universitäten Werke klassischer Philosophen wie Platon oder zeitgenössischer Intellektueller wie Ta-Nehisi Coates lasen, scheinen zunehmend der Vergangenheit anzugehören. Heute können sich viele Hochschuldozenten bereits glücklich schätzen, wenn ihre Erstsemester problemlos ein Kinderbuch wie „Tales of a Fourth Grade Nothing“ von Judy Blume verstehen.
Zu diesem ernüchternden Schluss kommt die neue „Survey of Adult Skills“ der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD). Die Untersuchung der 38 überwiegend wohlhabenden Mitgliedstaaten zeichnet ein alarmierendes Bild: Ein erheblicher Teil der Studierenden an Hochschulen verfügt über Lese- und Mathematikkenntnisse, die dem Leistungsstand eines etwa zehnjährigen Kindes entsprechen – oder sogar darunter liegen.
Die Studie, auf die zunächst das britische Magazin The Economist aufmerksam machte, untersuchte rund 160.000 Menschen verschiedener Altersgruppen in sämtlichen OECD-Mitgliedsländern. Demnach lesen durchschnittlich acht Prozent der Hochschulstudierenden auf dem Niveau eines Zehnjährigen oder schlechter. Während Länder wie Deutschland und Frankreich jeweils unter fünf Prozent liegen, fallen Polen (21 Prozent), Israel (20 Prozent) und die Vereinigten Staaten (14 Prozent) deutlich negativer auf.
Auch im Fach Mathematik ergibt sich ein ähnlich besorgniserregendes Bild. OECD-weit erreichen neun Prozent der Studierenden lediglich das mathematische Niveau eines Zehnjährigen oder unterschreiten dieses sogar. In Italien, den USA und der Slowakei steigt dieser Anteil auf mehr als 15 Prozent. Den höchsten Wert verzeichnet erneut Israel, wo rund 21 Prozent der Hochschulstudenten diese niedrige Kompetenzstufe nicht überschreiten.
Nach Einschätzung der Autoren gibt es mehrere Ursachen für diese Entwicklung. Dazu zählen die während der Corona-Pandemie entstandenen Lernrückstände, sinkende Einschreibezahlen an Hochschulen, die vielerorts zu niedrigeren Zulassungsanforderungen geführt haben, sowie eine rückläufige öffentliche Finanzierung des Bildungswesens.
Zeitlich fällt diese Entwicklung zudem mit dem rasanten Aufstieg generativer KI-Systeme wie ChatGPT zusammen. Zahlreiche Wissenschaftler und Lehrkräfte befürchten, dass solche Sprachmodelle sowohl im Schul- als auch im Hochschulbereich neue Formen akademischer Defizite begünstigen, indem sie eigenständiges Lernen und kritisches Denken zunehmend ersetzen.
Gleichzeitig gibt es Hinweise darauf, dass bereits einfache Maßnahmen positive Effekte erzielen können. So verbot ein Literatur- und Englischlehrer an einer Schule in Minneapolis die Nutzung von Smartphones und Laptops im Unterricht und ließ sämtliche Aufgaben ausschließlich mit Stift und Papier bearbeiten. Zu Beginn des Schuljahres im September gaben lediglich 46 Prozent der Schülerinnen und Schüler an, sich ihrer Lesefähigkeiten sicher zu sein. Bereits im Februar war dieser Anteil auf 95 Prozent gestiegen.
Auch wenn dieses Beispiel lediglich eine einzelne Schulklasse betrifft, sehen Bildungsexperten darin einen möglichen Hinweis auf grundsätzliche Probleme in den Bildungssystemen vieler wohlhabender Staaten. Bleiben diese Herausforderungen ungelöst, könnte eine wachsende Zahl junger Menschen Hochschulen verlassen, ohne über die Lese- und Rechenkompetenzen zu verfügen, die eigentlich bereits in der Grundschule erwartet werden.
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