Sprache prägt die Verschaltung unseres Gehirns
Von Anna Demming Veröffentlicht am
2026/07/09 13:49
Juni. 09, 2026
Die Verbindungen zwischen den verschiedenen Hirnregionen, die für die Sprachverarbeitung zuständig sind, hängen von der Sprache ab, mit der ein Mensch aufgewachsen ist. Dadurch unterscheiden sich die neuronalen Netzwerke je nach Muttersprache.
Eine Studie mit modernen Hirnscans zeigt, dass die Muttersprache die Art und Weise beeinflussen kann, wie das Gehirn seine Verbindungen zwischen den Zentren der Informationsverarbeitung aufbaut.
Die Forscher stellten fest, dass die Unterschiede in der Struktur der sprachbezogenen Netzwerke mit den sprachlichen Eigenschaften der jeweiligen Muttersprache zusammenhängen – in diesem Fall Deutsch und Arabisch.
Alfred Anwander vom Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften in Deutschland, der die Studie leitete, erklärte in der Fachzeitschrift NeuroImage:
„Die von uns beobachteten Unterschiede lassen sich daher nicht durch unterschiedliche ethnische Hintergründe erklären, sondern tatsächlich durch die Sprache, die wir sprechen.“
Anwander erläuterte, dass sich das Sprachnetzwerk zwar zu einem der stärksten Netzwerke des Gehirns entwickelt, die Verbindungen bei der Geburt jedoch noch schwach ausgeprägt sind. Erst während des Spracherwerbs verstärken sich die Verbindungen zwischen den Hirnregionen, die unterschiedliche Aufgaben übernehmen – etwa das Erkennen von Wörtern anhand von Lauten oder das Verstehen der Bedeutung ganzer Sätze.
Unterschiedliche sprachliche Anforderungen
Verschiedene Sprachen stellen unterschiedliche Anforderungen an die Sprachverarbeitung. Die Wissenschaftler wollten herausfinden, wie sich diese Unterschiede auf die Vernetzung des Gehirns auswirken.
Frühere Studien hatten bereits gezeigt, welche Hirnareale während der Sprachverarbeitung aktiv sind. Diese befinden sich überwiegend in der linken Gehirnhälfte. Dennoch sind beide Hemisphären an der Verarbeitung gesprochener Sprache beteiligt. Die Bewertung von Betonung und Intonation erfolgt hauptsächlich in der rechten Gehirnhälfte.
Während einer Diskussion der Studie erklärte Patrick Friedrich vom Institut für Neurowissenschaften und Medizin am Forschungszentrum Jülich, der nicht an der Untersuchung beteiligt war, dass das Sprachnetzwerk des Gehirns „bei Menschen mit unterschiedlichen Muttersprachen grundsätzlich sehr ähnlich“ sei. Dennoch hätten Forscher bereits Unterschiede bei der Verarbeitung von Zweitsprachen festgestellt.
„Diese Studie ist besonders spannend“, sagte Friedrich, „weil sie erstmals strukturelle Unterschiede zeigt, die auf die ursprüngliche sprachliche Erfahrung zurückzuführen sind und nicht auf später erlernte Sprachen.“
94 Teilnehmer untersucht
An der Studie nahmen 94 Personen teil. Die eine Hälfte sprach ausschließlich Deutsch als Muttersprache, die andere ausschließlich Arabisch und war erst vor Kurzem nach Deutschland gezogen.
Obwohl die Teilnehmer unterschiedliche Sprachen und kulturelle Hintergründe hatten, waren sie hinsichtlich anderer Faktoren, die die Gehirnstruktur beeinflussen können – etwa Alter und Bildungsniveau – weitgehend vergleichbar.
Die Gehirnscans wurden mithilfe der Diffusions-Magnetresonanztomographie (Diffusions-MRT) durchgeführt. Dieses Verfahren verfolgt die gerichtete Bewegung von Wassermolekülen und macht dadurch Nervenfasern sichtbar, entlang derer sich Wasser besonders leicht ausbreitet.
Unterschiede zwischen Deutsch und Arabisch
Die Untersuchungen zeigten, dass deutschsprachige Teilnehmer stärkere Verbindungen innerhalb der linken Gehirnhälfte aufwiesen, die maßgeblich an der Sprachverarbeitung beteiligt ist.
Anwander erklärte, dass Deutsch grammatikalisch sehr komplex sei. Die Bedeutung eines Satzes werde weniger durch die Reihenfolge der Wörter als vielmehr durch deren grammatische Formen bestimmt. Deshalb können Wörter, die inhaltlich eng zusammengehören, weit voneinander entfernt im Satz stehen.
Da sich die für die grammatische Verarbeitung zuständigen Regionen überwiegend im vorderen Bereich der linken Gehirnhälfte befinden, erscheine eine stärkere Vernetzung innerhalb dieser Hemisphäre plausibel.
Arabisch hingegen beschrieb Anwander als sprachlich besonders komplex. Zwar sei die Wortstellung meist stabiler, doch die Bedeutung einzelner Wörter könne schwieriger zu entschlüsseln sein. Entsprechend beobachteten die Forscher bei arabischen Muttersprachlern stärkere Verbindungen zwischen der rechten und der linken Gehirnhälfte.
Auswirkungen über die Sprache hinaus
Nach Ansicht Anwander könnte das durch die Muttersprache geprägte Sprachnetzwerk auch andere kognitive Fähigkeiten beeinflussen. So könnte beispielsweise das Arbeitsgedächtnis deutschsprachiger Menschen dadurch stärker beansprucht werden, dass sie häufig einen ganzen Satz hören müssen, bevor sie dessen vollständige Bedeutung erfassen können.
David Green, emeritierter Professor für Psychologie am University College London, lobte die technische Qualität der Studie, äußerte jedoch auch Vorbehalte. Neben den sprachlichen Eigenschaften einer Sprache könnten auch kulturelle Kommunikationsgewohnheiten – etwa die Nutzung von Gesten – die Vernetzung des Gehirns beeinflussen.
Zudem habe die Studie nicht alle Hirnregionen berücksichtigt, die an der Sprachverarbeitung beteiligt sind, und keine vergleichbaren Messungen der Gehirnaktivität zwischen den einzelnen Personen vorgenommen.
„Wir müssen besser verstehen, auf welche unterschiedlichen Arten das Gehirn dieselbe Aufgabe lösen kann und wie sich diese Vielfalt zwischen einzelnen Menschen äußert“, sagte Green.
Dennoch sieht Anwander großes Potenzial in dieser Forschungsrichtung. Gemeinsam mit seinem Team möchte er die Untersuchung auf weitere Sprachen ausweiten. Langfristig soll geklärt werden, ob sich anhand eines Hirnscans sogar die Muttersprache eines Menschen vorhersagen lässt.
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